C|O Berlin: Love, Ren Hang; hier: Untitled 11, 2011; © Ren Hang. Courtesy Estate of Ren Hang und Blindspot Gallery, Hongkong
Bild: Ren Hang. Courtesy Estate of Ren Hang und Blindspot Gallery, Hongkong

C|O Berlin - "Love, Ren Hang"

Bewertung:

Ein Spiel mit Sexualität und Körpern: Die Fotos von Ren Hang zeugen von Freiheit und machten ihn schnell zum Star. In seiner Heimat China wurden sie als pornografisch eingestuft – und der Künstler mehrmals verhaftet. Eine neue Ausstellung in Berlin hat fast all seine Werke zusammengetragen.

Ihr Blick ist durchdringend. Doch die junge Frau auf dem Foto blickt nicht allein. Ein Pfau vor ihr ersetzt die rechte Gesichtshälfte, Tier und Mensch verschmelzen und gemeinsam schauen sie in die Kamera von Ren Hang. Der chinesische Künstler hat das Foto 2016 gemacht. Das Gefieder des Pfaus leuchtet, weil Hang mit hartem Blitzlicht fotografierte.

Es ist eines dieser Fotos aus der neuen Ausstellung "Love, Ren Hang" im C|O Berlin, das man nicht mehr vergisst. Und das liegt nicht daran, dass das Bild gleich zweimal zu sehen ist: Als Wallprint vergrößert muss der Blick hierauf fallen wie auf das Ende eines Tunnels. Das kleinere Original hängt links. Das Bild ist perfekt komponiert, das Porträt wirkt spielerisch und ernst zugleich.

Körperlichkeit, dazu Tiere und auch Pflanzen als Requisiten – das ist charakteristisch für den chinesischen Künstler. "Bei Ren Hang sieht man eben, wie unterschiedlich er mit Körpern umgeht", sagt Felix Hoffmann, der Kurator der Ausstellung. "Einerseits performt er mit den Modellen vor der Kamera, dann verwandelt er die Körper in grafische Strukturen, dann spielt er mit Tieren." Die Ausstellung gibt einen Überblick darüber, was der junge Künstler in wenigen Jahren geschaffen hat. Und das ist beachtlich.

C|O Berlin: Love, Ren Hang; hier: Untitled 12, 2011; © Ren Hang. Courtesy Estate of Ren Hang und Blindspot Gallery, Hongkong
Bild: Ren Hang. Courtesy Estate of Ren Hang und Blindspot Gallery, Hongkong

Körper zu Skulpturen

Ren Hang, 1987 geboren, fotografierte vor allem nackte Männer und Frauen. Er sagte einst: "Ich will nicht, dass andere denken, die Menschen in China seien Roboter ohne Schwanz und Muschi". Nacktheit spielt in beinahe all seinen Bildern eine Rolle. Aber ist das pornografisch, wie der Vorwurf in China lautete? Keineswegs. Hang nimmt Bezug auf Altes und schafft Neues: Die sterbende Ophelia im Blumenmeer von Shakespeare kann man genauso bei ihm wiederfinden, wie die Königstochter Leda mit Schwan in der griechischen Mythologie. Hang formt Körper zu Skulpturen, mal mit Witz, mal mit Melancholie inszeniert er ganze Körperlandschaften.

An einer roten Wand hängen zwei Fotos: Für einen kurzen Moment sehen sie aus wie Landschaften von Salvador Dalí, nur ohne verfließende Gegenstände. Doch das sind Körper, die nebeneinander gereiht liegen. Hinterteile und Venushügel bilden die Landschaft. Bei Felix Hoffmann lösen die Fotos Verschiedenes aus. Manche machen ihn ratlos, andere "total glücklich, weil sie so humorvoll sind."

Andere Fotografien sind ähnlich surreal wie die Hügellandschaft, aber eindeutiger: Sie haben eher grafische Qualität. Wenn beispielsweise fünf Frauen mit pechschwarzen Haaren und rotem Lippenstift im Kreis liegen, Kopf an Kopf, mit verschränkten Armen, dann erinnert das an ein Muster oder Ornament. Die Modelle, oft waren das Hangs Freunde, da ihn Fremde einschüchterten, machen absurd anmutende Verrenkungen und Posen. "Ren Hang muss jemand gewesen sein, der auch mit seinen Modellen sehr emphatisch agiert hat. Da gab es eine sehr große emotionale Nähe", sagt Hoffmann.

Von wegen Vollformatkamera und digitale Technik: Ren Hang fing mit einer analogen Kompaktkamera die Sehnsüchte, Ängste und Einsamkeit einer Generation in China ein – der staatlichen Zensur zum Trotz. Seine Farbfotos zeigen Verletzlichkeit und explizite Sexualität. Was in Berlin längst nicht mehr schockt, ist in China Provokation: Wegen des Vorwurfs der Pornografie wurde Hang mehrmals verhaftet. Einige seiner Werke sind sogar beschädigt, bespuckt und beschlagnahmt worden. Für seine Bilder konnte er daher hauptsächlich in der "westlichen Welt" Käufer finden. Sein Werk, das Freiheit und Sexualität  thematisiert, musste dem chinesischen Staat wie Protest vorkommen. Die Repressalien des chinesischen Staates machten Hang zu schaffen.

C|O Berlin: Love, Ren Hang; hier: Untitled, 2016; © Ren Hang. Courtesy Estate of Ren Hang and Stieglitz 19, Antwerpen
Bild: Ren Hang. Courtesy Estate of Ren Hang and Stieglitz 19, Antwerpen

Gegen das Vergessen

Doch nicht nur die belasteten den jungen Dichter und Fotografen: Ren Hang litt lange an einer schweren Depression, die er auch in einem Blog verarbeitete. Einige seiner oft melancholisch bis düsteren Gedichte sind in die Ausstellung eingewoben. Hoffmann sei es wichtig klarzumachen, dass sich Hang nicht nur humorvoll und locker mit seinem Freundeskreis auseinandersetzte, indem "irgendwie so ein bisschen Heitatei vor der Kamera performt wird", sondern dass seine Arbeiten tiefgründiger sind. Hangs Fotos sind auch für sich stark – die Gedichte zeigen aber, wie vielschichtig seine Kunst war.

Im Alter von nur 29 Jahren nahm sich Ren Hang das Leben. Für Felix Hoffmann fiel die Entscheidung für eine Ausstellung mit dem Tod des Künstlers 2017. Mit dem Nachlass eines so jung Verstorbenen umzugehen, sei nicht einfach gewesen. Nicht alle Rechte seien geklärt, Freigaben zu bekommen sei kompliziert. Umso erfreulicher, dass Hoffmann für die Retrospektive etwa 160 Fotografien zusammentragen konnte – fast das gesamte Werk Ren Hangs.

Keines seiner Fotos trägt einen Titel. Doch wer in die Ausstellung geht – und das sollte man –, wird die Bilder nicht vergessen. Und den Künstler somit auch nicht.

Tobias Hausdorf, rbbKultur