Emil Nolde (1867-1956), ca. 1952; © dpa/akg-images
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Hamburger Bahnhof - Nicht zum Ergötzen: Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus

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Dass Emil Nolde Sympathien für das NS-Regime zeigte, dass er Parteimitglied war, war bekannt. Dass er damit nicht nur ein "Konjunktur-Jäger" war, wie manche Zeitgenossen vermuteten, sondern ein von nationalsozialistischen Zielen überzeugter Antisemit - bereits vor der Machtübernahme durch Hitler (und bis zum Ende der NS-Diktatur) -  das belegt diese Ausstellung.  

Sie zeigt, wie der Maler seine Biographie den jeweiligen Erfordernissen der Zeit vor, während und nach dem Nationalsozialismus angepasst hat. Es handelt sich dabei um die Ergebnisse jahrelanger Forschungen. Dokumentiert und illustriert wird, wie Nolde - unter Mithilfe eines großen Netzwerks von Unterstützern, bis hinein in die NS-Führungselite - sich dem Regime als nordischer Expressionist andiente, seine Vergangenheit ins Licht eines langjährigen Kampfes gegen "die Überfremdung der deutschen Kunst" tauchte und sich nicht mal dann abwandte, als seine Kunst 1937 als "entartet" aus öffentlichen Sammlungen entfernt wurde.

Überzeugt davon, "verkannt" zu sein

Im Widerspruch zur Darstellung von Werner Haftmann, dem ersten Direktor der Neuen Nationalgalerie, der nach dem Krieg eine große Nolde-Monographie verfasste, änderte sich Noldes Haltung auch nicht, als er 1941 mit Berufsverbot belegt wird - nachdem er  noch 1940 exorbitante Umsätze, die höchsten seiner Karriere verzeichnen kann.

Überzeugt davon, "verkannt" zu sein, kämpft er weiter dafür, die Nationalsozialisten von ihrem Irrtum zu überzeugen. Tatsächlich gelingt es ihm, daß seine Bilder  aus der Schand-Ausstellung "Entartete Kunst" wieder entfernt werden. Doch er sieht keine Veranlassung, seinen Malstil zu ändern. Allerdings hört er bereits 1933 auf, religiöse Motive zu malen, die aufgrund der Figurendarstellungen besonders heftig angefeindet werden.

Aufgedeckte Legenden

Zu den "Legenden", die die Ausstellung aufdeckt, gehören neben dem "Malverbot", zu dem Nolde und seine Frau Ada ein gegen ihn verhängtes Berufsverbot  zuspitzen, auch die sogenannten "ungemalten Bilder": Von diesen hinreißenden kleinen Aquarellen behaupten sie, sie seien während des Malverbots heimlich entstanden.

Doch Nolde schuf solche kleinen Aquarelle schon lange vorher: Als Beigaben für Vorzugsausgaben seiner Memoiren (der erste Band erschien 1931) und als Vorlagen, die er in den 30er Jahre mit Hilfe eines Epi-Diaskop auf Leinwand projiziert und vergrößert abmalt, wie Gegenüberstellungen zeigen.

Grauabstufungen

Das Bild "Brecher" (das jetzt als eines von zwei Nolde-Werken aus dem Amtszimmer der Bundeskanzlerin verbannt wurde) verdeutlicht die Kontinuität, mit der Noldes Werke immer wieder ins Zentrum einer Auseinandersetzung darüber gerieten, welche Kunst Deutschland repräsentieren darf.

Nach heutigem Stand darf ihr Schöpfer nicht - wie Emil Nolde - NS-Anhänger gewesen sein. Doch Nolde war als "entarteter Künstler" unzweifelhaft auch Opfer - und gehörte damit nach 45 zu den "Guten". Wie nah er eigentlich den Tätern gestanden hatte, rückte darüber ins Vergessen – oder wurde dorthin gerückt.

Für dieses Auf und Ab steht jetzt u.a. das Bild "Brecher". Daneben hängt ein Foto des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, ebenfalls vor einem Nolde-Seestück. Dabei ein Brief Schmidts an den Schriftsteller Siegfried Lenz, dessen Roman "Deutschstunde", der die Legende vom Malverbot erst richtig verbreitete, gerade erschienen war. Schmidt äußert sich begeistert über das Buch und schreibt, er habe als 17jähriger mit dem NS-Regime gebrochen, ausgelöst durch Noldes "Einreihung in die Entartete Kunst".  Besser kann man nicht deutlich machen, wie aus "schwarz" "weiß" wird und wie viele Grauabstufungen dazwischen liegen.

Silke Hennig, kulturradio