Lawrence Abu Hamdan: Disputed Utterance (Detail: murder/merde), 2019, © Courtesy the artist and mor charpentier; Foto: Aurélien Mole
Bild: Courtesy the artist and mor charpentier/Aurélien Mole

Hamburger Bahnhof - Lawrence Abu Hamdan – The Voice Before The Law

Bewertung:

Lawrence Abu Hamdan bezeichnet sich selbst – in Anlehnung an das englische "private eye" für Privatdetektiv – als "private ear", als "Klang-Detektiv". Und gerade läuft es ziemlich gut für den in Beirut lebenden Künstler:  Biennale von Venedig, Turner-Prize,  Einzelausstellungen.

Im Hamburger Bahnhof sind drei mehrteilige Arbeiten von ihm zu sehen, die illustrieren, wie er sich mit der politischen Dimension von Sprache, Stimme und Kommunikation auseinandersetzt.

Was beweist beispielsweise der Akzent eines Geflüchteten? Kann er dazu dienen, zweifelsfrei festzustellen, ob jemand aus einer Gegend kommt, die von Behörden in der EU als sicher eingestuft wird, um ihn dann dorthin zurückzuschicken? Die Arbeit, die Abu Hamdan aus diesen Fragen entwickelt hat, ist eine Grafik, die von Ferne an den Muster-Rapport einer Strickmaschine erinnert. Sie basiert auf Akzentanalysen somalischer Asylbewerber in den Niederlanden.

Der Künstler hat Akzent-Varianten innerhalb einer Gegend in Bezug gesetzt zur Durchmischung von Bevölkerungsgruppen in Somalia in den letzten fast 50 Jahren – ausgelöst durch Bürgerkrieg oder Hungersnöte. In Anbetracht dieser Verknüpfung wird deutlich, dass es gute Gründe gibt dafür, dass der Akzent einer Person aus dem unsicheren Süden Somalias Sprachanteile aus dem als sicher geltenden Norden aufweist. Die Stimme, sagt Abu Hamdan, sei gänzlich ungeeignet zur juristischen Beweisführung und tatsächlich wurden seine minutiösen Sprach-Analysen auch schon bei Anerkennungs- bzw. Abschiebe-Verfahren von Flüchtlingen berücksichtigt.

Wenn der Akzent über Leben und Tod entscheidet

Dass ein Akzent u.U. über Leben und Tod entscheiden kann, wenn etwa eine Touristin beim Bungee-Jump statt "No Jump" den spanischen Akzent des Trainers als Anweisung "Now Jump" interpretiert, zeigt eine weitere Arbeit. Sie verbindet Erzählungen von Missverständnissen mit kleinen Mund-Dioramen: Modellen der Mundhöhle, in der der Zungenabdruck am Gaumen bei unterschiedlichen Lautbildungen zu sehen ist. Das Entscheidende und einzig justiziable dabei, die Absicht des Sprechers, bleibt allerdings auch bei solchen Tests im Dunklen.

Ausstellungsansicht: "Lawrence Abu Hamdan. The Voice Before the Law", Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin, 2019, © Lawrence Abu Hamdan, courtesy Maureen Paley, London / Nationalgalerie - Staatliche Museen zu Berlin, Schenkung Baloise Group / Mathias Völzke
Bild: Mathias Völzke

"Shouting Valley"

Es gibt allerhand lesen in dieser Ausstellung, dennoch ist sie alles andere als 'trocken'. Stets gibt es einen Haken, der so fesselt, dass man einfach wissen will, um was genau es geht.  Im Falle der Installation "This whole time there were no landmines" ist dieser "Catch" in den aufgeregten Stimmen begründet: Der Klang, der von vier Monitoren zu beiden Seiten eines Durchgangs ausgeht. Zu sehen sind dort Handyaufnahmen, entstanden an einem Ort, dem sogenannten "Shouting Valley" an der syrisch-israelischen Grenze.

Die besondere Akustik des Ortes begannen Drusenfamilien, die durch die israelische Besetzung der Golan-Höhen auseinandergerissen wurden, dafür zu nutzen, sich Botschaften von beiderseits der Grenzanlagen zuzurufen. Die Aufnahmen, die Abu Hamdan benutzt hat, stammen aus dem Mai 2011, als palästinensische Demonstranten von Syrien aus die Grenze stürmten. Die Menschen auf der anderen Seite versuchten sie mit ihren Stimmen davon abzuhalten, weil sie glaubten, das Gelände sei vermint und nur Stimmen kämen heil von einer Seite auf die andere. Doch – es gab dort nie Landminen.

Die großen Fragen der Zeit leicht anklingen lassen

So sind es immer sehr spezielle kleine Erzählungen, in denen Lawrence Abu Hamdan die ganz großen politischen und philosophischen Fragen unserer Zeit mit leichter Hand anklingen lässt.  Es ist zu hoffen, daß wir von diesem Künstler noch viel HÖREN werden.

Silke Hennig, rbbKultur