November, 2004 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Filmstill: © Hito Steyerl
VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Filmstill: © Hito Steyerl
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Akademie der Künste - Käthe-Kollwitz-Preis 2019. Hito Steyerl

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Hito Steyerl, Pionierin der Videokunst, wurde für ihr Werk mit dem Käthe Kollwitz Preis ausgezeichnet. Zeitgleich eröffnete in der Akademie der Künste eine Ausstellung.

Sie war Regieassistentin bei Wim Wenders und sorgte auch mit eigenen filmischen Installationen international immer wieder für Aufsehen – die Rede ist von der Deutsch Japanischen Videokünstlerin Hito Steyerl. Jetzt wurde sie für ihr vielseitiges Werk mit in der Berliner Akademie der Künste mit dem Käthe Kollwitz Preis ausgezeichnet- zeitgleich wurde im Haus am Pariser Platz auch eine Ausstellung eröffnet.

Bilder für diese komplexe Welt

Käthe Kollwitz und Hito Steyerl – das passt gut zusammen. Auch wenn die Namensgeberin des Preises und die diesjährige Preisträgerin auf den ersten Blick ganz unterschiedlich sind – hier die realistisch expressionistische Bildhauerin, Malerin, Zeichnerin Käthe Kollwitz -  da Hito Steyerl, die Pionierin der Videokunst, zwischen Essay und Dokumentation, Fiktion und Fakten unterwegs.

Aber in ihrer engagierten Art, Bilder für diese komplexe Welt zu finden, da gleichen sich die beiden Künstlerinnen. Und auch wenn die Zeiten andere sind, Themen wie Krieg und Gewalt etwa sind – leider – auch bei Hito Steyerl noch aktuell.

In ihren filmischen Arbeiten thematisiert die 1966 in München geborene Preisträgerin zum Beispiel die globale Verstrickung von Konzernen in Rüstungsgeschäfte, aber auch, inwiefern wir selbst Teil einer Maschinerie sind. Sie setzt sich mit  Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auseinander, die sie auch gern schon mal als Künstliche Dummheit bezeichnet.

Abstract, 2012 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 | Filmstill: © Hito Steyerl
Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Filmstill: © Hito Steyerl

Demonstranten und virtuelle Welten

In der Akademie der Künste ist jetzt eine Auswahl ihrer Arbeiten zu sehen – zwischen den 1990er und 2010er Jahren entstanden. Hier schaut man vor allem auf die nähere Umgebung: Den  Pariser - und Potsdamer Platz. Steyerl filmt 1998 die noch leere Mitte, wo gerade die Mauer gefallen ist und Bauzäune als neue Abgrenzungen errichtet sind. Ein beeindruckendes Zeitdokument sind diese Bilder, angesichts der kühl künstlichen Glas-  und Steinfassaden des Potsdamer Platzes von heute.

Beeindruckend auch ein Film aus der Serie "Normality" in dem sich die Künstlerin 1999 an der Baustelle des Holocaust Mahnmals unter NPD Demonstranten mischt, die sich mit dem vermeintlich diskriminierten Österreich solidarisierten. Verstörende Bilder, mit einer kleinen Kamera gedreht, inmitten des tumbe Parolen gröhlenden, rechten Aufmarschs.

In jüngeren Arbeiten bewegt sich Hito Steyerl eher in virtuellen Welten und setzt sich mit neuen Techniken auseinander, wobei sie diese gekonnt zum Mittel ihrer Kunst und ihrer Kritik macht. In Computergenerierten Bildern mokiert sie sich etwa ironisch über Optimierung humanoider Roboter ...

Der Zugang zu den Arbeiten braucht Konzentration und Zeit

So zeigt man vor allem Filme in der Ausstellung, auf verschieden großen Leinwänden, in Szene gesetzt zwischen Absperrgittern als symbolische, gewaltige Grenzen. Dennoch ist die Ausstellung nicht sehr sinnlich – es braucht Konzentration und Zeit, um einen Zugang zu den komplexen Arbeiten zu finden, in all ihrer Multimedialität und Vielschichtigkeit.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Werk "Abstract" von 2012, bestehend aus zwei Monitoren. Auf einem begibt sie sich auf Spurensuche in einem Kampfgebiet in der östlichen Türkei, das die Kurden für sich beanspruchen. Zwischen Stein und Geröll, verlorenen Schuhen und Geschosshülsen ist Steyerl mit einem Augenzeugen unterwegs, dort, wo ihre Freundin Andrea Wolf ums Leben kam. Sie hatte sich kurdischen Kämpfern angeschlossen.  Auf dem anderen Monitor zeigt sich die Künstlerin als  Touristin in ihrer Wahlheimatstadt Berlin, schwenkt mit der Handykamera über die historisierenden Fassaden am Pariser Platz – und bleibt an der der Niederlassung des Rüstungskonzerns Lockheed Martin hängen, der nach Recherche von Steyerl Waffen auch an die Türkei lieferte.

Klar und mitunter auch persönlich

Auch wenn man Hito Steyerl nicht so einfach das Etikett "Politische Künstlerin" verpassen kann – in ihren Arbeiten bezieht sie doch Position – klar und mitunter auch persönlich. Dabei ist ihre Kunst nicht einfach zugänglich. Man muß sich vielmehr darauf einlassen, dann erschließt sie sich, so eigenwillig und engagiert, wie sie ist. Hito Steyerl  - das ist eine gute Wahl für den Käthe Kollwitz Preis – das wird in der Ausstellung in der Akademie der Künste klar.

Barbara Wiegand, kulturradio

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