Mantegna und Bellini; Darbietung Christi im Tempel
Staatliche Museen zu Berlin; ©cameraphoto arte snc
Bild: Staatliche Museen zu Berlin; ©cameraphoto arte snc

Gemäldegalerie Berlin - Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance

Bewertung:

Diese Ausstellung pendelt zwischen der großen Ähnlichkeit und großen Differenz beider Maler. Die großzügige räumliche Anordnung in der Gemäldegalerie erlaubt  eine Betrachtung aus der Nähe - und mit Abstand: Ideal.

 

Einträchtig hängen sie nebeneinander: Zwei Versionen einer "Darbringung Christi im Tempel" - das eine Bild um 1453 von Andrea Mantegna gemalt, das andere rund 20 Jahre später von Giovanni Bellini.  Auf den ersten Blick könnte eines eine Kopie des anderen  sein.  Auf beiden ist Maria zu sehen, die ihr Neugeborenes dem alten Priester Simeon übergibt, der in dem Kind den Messias erkennt. 

Choreographie der Blicke

Üblicherweise wurde diese Szene im 15.Jahrhundert aus der Distanz, mit ganzen Figuren dargestellt.  Mantegna aber rückt sie nah heran, als zeigten sich die  Figuren in einem Fenster. Tatsächlich malt er sogar einen umlaufenden Rahmen, auf den die Muttergottes sich und ihr Kind  stützt, so daß sie sich fast in einem  Raum mit uns Betrachtern befinden.

  Giovanni Bellini übernimmt diese Komposition.  Wie man von Untersuchungen inzwischen weiß, hat er sie regelrecht abgepaust.  Doch behält er von  Mantegnas Rahmen nur einen breiten Sims. Er lässt die Heiligenscheine weg, "profanisiert" die Figuren gewissermaßen und bringt sie uns dadurch noch  näher. Auch seine Malweise und das Licht, das er der Szene verleiht, unterscheiden sich von Mantegnas Bild, das er zudem um weitere Figuren ergänzt. Diese Erweiterung erlaubt Bellini, etwas zu verstärken, was bei Mantegna schon angelegt ist:  Eine Art "Choreographie der Blicke", die der Szene  innere Spannung verleiht: Jeder auf diesem Bild schaut woanders hin.

Keine Kopien

Es sind solche Nebeneinander- und Gegenüberstellungen, mit denen die Ausstellung ihre zentrale These eindrücklich vor Augen führt: Andrea Mantegna und Giovanni Bellini haben einander nicht einfach hie und da kopiert oder Bildideen des anderen übernommen, sondern weitergeführt.

Beide kamen sich punktuell mitunter so nah,  daß immer wieder Bilder des einen dem anderen zugeschrieben wurden - und doch schufen sie in  Auseinandersetzung mit der Kunst des anderen ein jeweils höchst eigenständiges Werk. Daß diese Auseinandersetzung nicht nur eine Annahme ist, verdankt sich einer Besonderheit: Zwar können nach mehr als 500 Jahren viele Fragen, die diese beiden Künstler betreffen, nur noch spekulativ beantwortet werden, doch gesichert ist, daß Andrea Mantegna 1453 Nicolosia Bellini geheiratet hat und damit Giovanni Bellinis Schwager wurde.

Große Ähnlichkeit und große Differenz

Anhand von christlichen Andachtsbildern, antiken Motiven, Zeichnungen und Kupferstichen wird in der Berliner Gemäldegalerie eindrucksvoll die Entwicklung des einen, wie des anderen Malers nachvollziehbar gemacht.

Wie Mantegna zunächst in Padua, dann als Hofmaler in Mantua sein Können entfaltet, Körper räumlich, in perspektivischer Verkürzung darzustellen: Eine Technik, die Wirklichkeit in der Malerei einzufangen, die er wie wenige andere seiner Zeit  beherrscht. Mantegna ist fasziniert von der Antike, die in der Renaissance gerade als Quelle von Ideen und Formen  wiederendeckt wurde.

Bellinis Kunst dagegen ist "introvertierter". Er, der mutmaßlich Jüngere von beiden und  Spross einer der bedeutendsten Malerdynastien Venedigs, "erfindet" gewissermaßen  Landschaft und Licht als emotionale Ausdrucksträger. Als einer der Ersten südlich der Alpen benutzt er die neuen Ölfarben und schafft damit Bilder von besonderer Leuchtkraft.  

So pendelt diese Ausstellung zwischen großer Ähnlichkeit und großer Differenz beider Maler.

Anders als in der National Gallery in London, wo dieses britisch-deutsche Kooperationsprojekt  zuerst zu sehen war, wird das in der Gemäldegalerie bereits in der Ausstellungsstruktur transparent. Die großzügige räumliche Anordnung erlaubt hier eine Betrachtung sowohl aus der Nähe, als auch mit Abstand: Ideal.

Silke Hennig, kulturradio

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