Maria mit dem segnenden Kind und den Heiligen Hieronymus und Franziskus, um 1502, Öl auf Pappelholz, 35,3 x 29,8 cm; © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders
Bild: SMB, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Gemäldegalerie im Kulturforum - Raffael in Berlin. Die Madonnen der Gemäldegalerie

Bewertung:

Sechs Gemälde, drei Zeichnungen und ein leerer Rahmen: Die Ausstellung, mit der die Staatlichen Museen zu Berlin das "Raffael-Jahr" 2020 einläuten, ist überschaubar.

Sie rückt allein das Frühwerk und einzig die Madonnenbildnisse des Malers in den Fokus – denn das zeichnet den Raffael-Bestand der Gemäldegalerie aus: Sie besitzt fünf frühe Madonnen,  alle entstanden vor 1508, d.h. bevor der Künstler dem Ruf des Papstes folgte und von Florenz nach Rom zog, wo er 1520 starb.

Auch die "Madonna mit den Nelken" aus der Sammlung der Londoner National Gallery – die einzige Leihgabe in dieser Ausstellung –  wird von Experten in diesen Zeitabschnitt datiert, was allerdings nicht ganz unumstritten ist. In jedem Fall aber lässt sich hier im direkten Vergleich studieren, dass der schon zu Lebzeiten gefeierte Raffael, der heute im Ruf übermäßiger Perfektion und – noch schlimmer – Lieblichkeit steht, in seinen Anfängen mit diesem einen Motiv der "Maria mit Kind" auf äußerst unterschiedlich Art und Weise umgegangen ist.

"Madonna mit den Nelken" fällt farblich aus dem Rahmen

Während die drei frühesten Werke (um 1502/1503) beispielsweise das Kind noch eher steif und unproportioniert zeigen, scheint es in der fünf, sechs Jahre später entstandenen Fassung der "Madonna Colonna" quicklebendig: Zurückgelehnt greift es in den Ausschnitt der Mutter, um sich festzuhalten.

Auch die "Madonna mit den Nelken" zeigt Mutter und Kind inniglich aufeinander bezogen – und verrät deutlich den Einfluss des älteren Leonardo. Während alle übrigen Bildnisse der Maria die klassische "Uniform" aus rotem Kleid und blauem Mantel aufweisen, fällt die Nelken-Madonna farblich völlig aus dem Rahmen: Das gedämpfte Grün-Grau ihres Kleids entspricht so sehr der Farbigkeit von Leonardos "Madonna Benois", dass ein Zufall ausgeschlossen scheint.

Raffael: Maria mit dem Kind (Madonna Colonna), um 1508, Öl auf Pappelholz, 79 x 58,2 cm - Ausschnitt; © Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders
Bild: SMB, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders

Wenig Hintergrund zur Raffael-Rezeption in Berlin

So konzentriert diese Präsentation des jungen Madonnenmalers ist, unbefriedigend bleibt der Versuch, dabei auch die eigene Sammlungsgeschichte zu beleuchten. Alle "Berliner" Raffael-Madonnen wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erworben – in einer Zeit regelrechter Raffael-Manie. Doch wird das offenbar als weitgehend bekannt vorausgesetzt.

Außer einigen knappen Texten bietet die Ausstellung wenig Hintergrund zur Raffael-Rezeption in Berlin und zur "Inszenierungsgeschichte" lediglich einen von Schinkel entworfenen Neo-Renaissance-Rahmen für eine der Madonnen nebst Entwurfszeichnung. Das wirkt so mager, dass man es besser ganz gelassen hätte. Der exklusive Fokus auf die frühen Madonnenbildnisse des Malers ist auch so wirklich stark.

Silke Hennig, rbbKultur