Landesgartenschau Wittstock: Sommer im Wechselflor am Bleichwall; © Matthias Bruck
Matthias Bruck
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Blühende Gemeinde - Die Landesgartenschau in Wittstock/Dosse

ln Wittstock eine Landesgartenschau der Avantgarde zu erwarten, etwa über ökologischen Stadtumbau, wäre schon im Ansatz falsch. Es geht darum, diese reizvolle, mit ihrer Bischofsburg, der großen Marienkirche und der Stadtmauer reichlich Mittelaltergefühle atmende Stadt schöner, lebensvoller, auch heiterer zu machen. Mit zwei neuen Parkanlagen, sehr vielen Blumen, einigen Installationen, die im Oktober dann wieder abgebaut werden.

Das Projekt beginnt am vorzüglich restaurierten Bahnhof mit etwas absurd geschwungenen Beeten mitten auf dem Bahnsteig und Bäumen, die in einem Eisenbahnwaggon stehen. Erinnert an jenen netten kleinen Film mit Donald Duck und den beiden Hörnchen, deren Baum schließlich per Modelleisenbahn umgepflanzt wird. Ähnlich schmunzeln lassen später riesige Libellen, die an Holzstangen kraxeln. Oder das kleine Feuchtgebiet, zu dem die Dosse rückgebaut wurde. Hoffentlich gibt es das Geld für die Instandhaltung dieser Kunst-Natur.

Rittersporn und Himbeeren im Fontane-Garten

Der neue Park wird geprägt von weiten Rasenflächen, leicht geschwungenen Wegen sowie unglaublichen Mengen von Blüten – eine Million Knollen sollen gesetzt sein. Zwischen denen stehen lustig halbrunde Sitzkessel, die selbst aussehen wie große Blüten.

Auch Fontane fehlt nicht, obwohl er Wittstock eher ignorierte. Gleich zwei niedliche Fontane-Gärten sind zu erleben, einer direkt unterhalb der Burgmauern, eingehegt von Apfel-Spalieren, wie sie das Biedermeier liebte, mit Rittersporn und Beerenobst. Eine abstrakte Erinnerung an den Garten von Fontanes Eltern.

Der andere Fontane-Garten steht im neuen Park an der Bleiche, rote Holzgerüste, an denen sich bald 80 verschiedene Himbeersorten ranken sollen. Fontane erinnerte die zarte Frucht an eine vergangene Liebe. 

Hinfahren, es lohnt sich!

Wittstock zeigt mit seinen schönen Straßen und Plätzen – und etlichen vorzüglichen Neubauten, wie etwa dem Kindergarten neben der Marienkirche oder der exquisiten Stadtbibliothek in einem alten Tuchmacherhaus – den Erfolg von dreißig Jahren andauernder Förderpolitik und immensen privaten Engagements. Auch wenn noch so manches Haus verrottet, die Folgen von Deindustrialisierung und Abwanderung längst nicht verkraftet sind.

Dennoch ist diese Landesgartenschau – sicher nicht unbewusst – auch eine Attacke auf den neuesten Landesentwicklungsplan Brandenburgs. Er sieht vor, dass die Kraft des Landes und seine Subventionen sich vor allem entlang der Eisenbahnlinien entfalten sollen, die nach Berlin führen. Das Seestern- oder, negativer, das Krakenmodell. Ein ultrakonservativer Ansatz, der das Umland von Großstädten nur als deren Zulieferer betrachtet.

Städte wie Wittstock aber brauchen eine eigene Aufgabe, eine eigene Identität, eigenes Selbstbewusstsein. In der großen, schönen Marienkirche sind vor dem Altar auf hohen Stühlen Blumenkästen aufgestellt. Eine "blühende Gemeinde", sicher lokal begrenzt wie die Gartenschau, aber genau deswegen so überzeugend. Die Welt endet nicht am Speckgürtel Berlins. Hinfahren, es lohnt sich!

Nikolaus Bernau, kulturradio