John Heartfield: Krieg und Leichen – Die letzte Hoffnung der Reichen © The Heartfield Community of Heirs / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
The Heartfield Community of Heirs / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
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Akademie der Künste - John Heartfield. Fotografie plus Dynamit

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John Heartfield, einer der innovativsten Künstler des 20. Jahrhunderts, hat vor allem mit seinen politischen Fotomontagen große Aufmerksamkeit erregt. Seit gestern können die Besucher*innen die vielen Facetten seiner Kunst in der wiedereröffneten Akademie am Pariser Platz entdecken.

Wenn man bedenkt, daß der "Vater" der Fotomontage, der Grafiker, Maler und  Bühnenbildner John Heartfield viele Jahre im Exil leben musste - erst in Prag, dann in London - ehe er 1950 in die DDR zurückkehrte, dann kann nur erstaunen, wie es ihm gelang ein so großes Archiv zusammenzuhalten:  Über 6000 Werke befinden sich heute in der Obhut der Berliner Akademie der Künste.  Die Digitalisierung und Neubearbearbeitung seines Nachlasses ist die Grundlage dieser Ausstellung, deren Eröffnung im März Corona-bedingt entfallen mußte und die nun  mit vorheriger Anmeldung besucht werden kann. 


© The Heartfield Community of Heirs / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Bild: The Heartfield Community of Heirs / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Sie unternimmt den Versuch, den "ganzen Heartfield" zu zeigen: Seine Vorliebe für China und "Ostasiatika" ebenso wie seine berühmtesten Foto-Montagen für die auflagenstarke Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) wie z.B. "Adolf der Übermensch - schluckt Gold und redet Blech" mit Adolf Hitler und einem Röntgenbild seines Brustkorbs, das statt Wirbelsäule eine Säule aus Münzen enthüllt  und noch mehr Münzen im Bauch,  oder "Krieg und Leichen - Die letzte Hoffnung der Reichen",  wo vor dem Hintergrund eines Schlachtfelds eine übergroße, Zylinder-tragende Hyäne zähnefletschend ins Bild ragt, der der höchste preussische Kriegsorden am Hals hängt.  Jahrzehnte später, 1964 - vier Jahre vor Heartfields Tod - taucht dieses Bild  wieder auf dem Faltblatt zu einer Ausstellung Heartfields in der Nationalgalerie Prag auf. Überhaupt gibt es einige Motive oder Montagen, die sich in verschiedenen Variationen durch sein Werk ziehen.  Auch seine Arbeit fürs Theater ist nicht auf das Ende seiner Karriere beschränkt.  Ein Regiebuch von Erwin Piscator aus dem Jahr 1927 illustriert anhand von Skizzen,  wo im Bühnenbild Flächen für Projektionen von John Heartfield vorgesehen waren.  Zum Abschluss der Ausstellung zeigen einige kleine Schwarzweiß-Fotos dagegen vergleichsweise konventionelle Bühnenbilder, die er in der DDR u.a. für Bertolt Brecht entwarf.

Zu brav

Weitgehend unbekannt dagegen ist Heartfields filmisches Schaffen - dokumentarische Filme etwa über Glasherstellung. Hinweise belegen, daß er auch während des Ersten Weltkriegs  mit George Grosz zusammen an Trickfilmen für die militärische Bildstelle des Auswärtigen Amts arbeitete.   Allerdings sind diese Propaganda-Filme nicht erhalten. Um diese Leerstelle zu füllen,  präsentiert die Ausstellung eine deutsche Propagandazeitschrift in italienischer Sprache, an der der Kunsthistoriker Aby Warburg maßgeblich beteiligt war. Die Parallele, die damit aufgezeigt wird, mag interessant sein, erschließt sich allerdings nur durch fleißiges Lesen. Der Eifer der Kuratoren, auf möglichst keine Facette zu verzichten, verstellt so bisweilen mehr den Blick auf Heartfield, als daß er ihn schärfen würde. Dessen großes Talent zur Zuspitzung, Bilder und Gedanken kurzzuschließen geht der Ausstellung leider ab. Allzu brav und ehrfürchtig geht sie mit ihrem Protagonisten um, der als Künstler und Meinungsmacher gerade wegen seiner unerschrockenen Direktheit berühmt wurde.

Silke Hennig, rbbKultur