Untitled, New York, 1979-1980 © Estate of Francesca Woodman/ Charles Woodma / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Francesca Woodman
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C/O Berlin - Francesca Woodman: "On Being an Angel"

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Francesca Woodmans Werk war in den letzten 15 Jahren zwar u.a. in der Tate in London und im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen, aber kaum je in Deutschland (und wenn, dann in Galerien). Daß sie mit dieser Ausstellung, hier nun endlich mit einer umfangreichen Präsentation zu erleben ist, stellt eine Gelegenheit dar, die man nicht verpassen sollte. 

Bemerkenswerte Radikalität

Diese Ausstellung im Obergeschoß des "C/O Berlin", die vom Moderna Museet Stockholm zusammengestellt wurde, ist der ungleich weniger prominenten, aber umso sehenswerteren amerikanischen Fotografin Francesca Woodman gewidmet. Denn so kurz das Leben von Francesca Woodman war, die sich 1981 mit nicht mal 23 Jahren umbrachte - sie hat eine ganz eigene Bildsprache hinterlassen. Mit bemerkenswerter Radikalität umkreiste sie die beiden Pole, zwischen denen Fotografie stattfindet: Sehen und Zeigen.

Alle ihre Aufnahmen sind Inszenierungen. Immer inszeniert sie Körper - sehr oft ihren eigenen - in Innenräumen. Oft handelt es sich dabei um ziemlich heruntergekommene Räume, fast alle Bilder sind schwarzweiß. Was man sieht, ist verunklart durch Spiegelungen, lange Belichtungszeiten, in denen Konturen oder Körperteile verwischen, oder auch durch eine Art Mimikry - etwa wenn das Muster eines Kleides mit den Flecken an der Wand dahinter 'verschmilzt', so daß Arme, Beine oder Kopf, die nicht vom Stoff bedeckt sind, wie losgelöst voneinander wirken. Der Körper verschwindet nicht völlig, aber seine Einheit und Vollständigkeit im Bild wird aufgehoben.

Untitled, New York, 1979 © Estate of Francesca Woodman/ Charles Woodma / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Bild: Francesca Woodman

Autobiographische Lesart

Francesca Woodmans Werk sollte nicht autobiographisch verengt gelesen werden. Wenn sie sich selbst als Modell ins Bild gesetzt hat, so nicht, um eine Aussage über sich als individuelle Person zu treffen, sondern als 'Figur im Raum', der immer eine nicht zu unterschätzende Rolle in ihrer Fotografie spielt. Francesca Woodman ist das Paradox gelungen, sich selbst zu zeigen und gleichzeitig dabei (wenigstens teilweise) zum Verschwinden zu bringen.

Anders sehen

Francesca Woodman zeigt den Körper auf eine Art, die ihn fremdartig, fragmentiert aussehen lässt. Mal nimmt sie dabei Anleihen beim Surrealismus, mal erinnern ihre Aufnahmen an viktorianische Fotografien, die versuchten 'para-normale' Phänomene festzuhalten, bzw. zu inszenieren. Helle Flecken im Bild oder Verwischungen wurden als Spuren von Geistern interpretiert.

Sie hat oft in Serien fotografiert und selbst Einzelbilder erscheinen wie  Ausschnitte einer Performance. Nie hat man das Gefühl, alles zu sehen. Und obwohl diese Fotografien vor mehr als 40 Jahren entstanden - angesichts unserer heutigen Besessenheit mit Körperbildern (und wie das jeweils mit dem 'Selbst' überein zu bringen ist) wirken sie aktueller denn je.  

From Space2, Providence, Rhode Island, 1976 © Estate of Francesca Woodman/ Charles Woodma / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Bild: Francesca Woodman

Silke Hennig, rbbKultur