Victoria Island, Lagos, 2006 © Akinbode Akinbiyi
Bild: Akinbode Akinbiyi

Gropius Bau - Akinbode Akinbiyi: "Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air"

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Einmal mehr unternimmt der Gropius Bau mit dieser Ausstellung, was zum neuen Konzept unter der Leitung von Stephanie Rosenthal gehört - nämlich Berlin "seine" KünstlerInnen vorzustellen: Kunstschaffende aus aller Welt, die zwar hier leben und arbeiten, die wichtig sind, aber deren Werke in dieser Stadt sonst nicht zu sehen sind. Akinbode Akinbiyi, 1946 als Kind nigerianischer Eltern in Oxford geboren, lebt seit rund drei Jahrzehnten hier. Doch erst mit seiner Teilnahme an der letzten documenta in Athen und Kassel wurde das einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

Bar Beach, Victoria Island, Lagos, 2006 © Akinbode Akinbiyi
Bild: Akinbode Akinbiyi

Das Wesen des Ortes

Der Fotograf ist ein Wanderer "zwischen den Welten" und in den Städten, der mit seiner analogen Mittelformat-Kamera zu Fuß ebenso durch das südafrikanische Johannesburg oder Lagos in Nigeria streift, wie durch Berlins "afrikanisches Viertel" im Wedding. Was er dort fotografiert ist nicht das "Spektakuläre", sondern prägnant. Akinbiyi spürt dem Wesen eines Ortes über viele Jahre in Form fotografischer Serien nach. Seit den 1980er Jahren etwa beschäftigt er sich in "Sea Never Dry" mit der Küste und dem Verhältnis von Menschen zum Meer.

Immer wieder sind da Strände zu sehen, aber es geht nicht um Naturschönheit: Ein eingerissener Maschendrahtzaun steht vor dem Ausblick auf Sand und Meer, ein Strand in Westafrika wimmelt vor Menschen, aber nicht etwa in Badeanzügen, sondern in Straßen- oder sogar Festtagskleidung, eine Frau kniet im Gebet vor Kerzen im Sand, usw. Die Küste erscheint ebenso als Ort der Einsamkeit wie der Gemeinsamkeit, ein Ort der Vergnügungen wie der Spiritualität. Und schon das nächste Bild zeigt Badelatschen und anderen Müll, den das Meer anspült. Akinbiyi hält Szenen fest, die einerseits spezifisch sind, andererseits allgemeine Gültigkeit besitzen.

Betont durch die formale Homogenität der durchweg schwarzweißen, (fast immer) quadratischen Abzüge, tritt eher die visuelle Grammatik eines Ortes in den Vordergrund, als eine konkrete Aussag

Gemeinsam sind sie stark

Es ist ein Sehen in Zusammenhängen, das auch durch die Struktur der Ausstellung befördert wird: Jede Serie, die hier in Auszügen vorgestellt wird, erhält einen eigenen Raum. Jeder Raum hat seinen eigenen "Charakter": Für "Sea Never Dry" beispielsweise wurden die Fotografien als langgezogenes Panorama gehängt, während die Anordnung der Serie "Lagos: All Roads" eher einem vertikalen Muster folgt

"Sechs Songs, die anmutig durch die angespannte Luft wirbeln"

Die Musikalität, die sich im Ausstellungstitel ankündigt, findet so eine Entsprechung im Rhythmus der Hängung. Der Verweis auf "Songs", auf das Hören, vermittelt aber auch die Botschaft, dass es dem Jazzfan Akinbiyi nicht nur auf das Sehen ankommt. Seine Fotografien eröffnen vielmehr einen Raum, der über das rein Visuelle hinausgeht, wenn sich Bilder von Menschen am Meer z.B. mit der Erinnerung an das Geräusch von Brandung kurzschließen zu einem Gesamteindruck.

Silke Hennig, rbbKultur