Michael Schmidt, o.T. aus EIN-HEIT / U-NI-TY, 1991-94 © Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt
Bild: Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt

Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Michael Schmidt - Retrospektive. Fotografien 1965 - 2014

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2016/17 würdigten Museen und Institutionen in Essen, Hannover und Berlin mit Ausstellungen die 'Werkstatt für Photographie' in Berlin Kreuzberg, die zwischen 1976 und '86 enormen Einfluss auf die Entwicklung der Fotografie als Kunstform hatte - obwohl es sich 'nur' um ein Volkshochschulangebot handelte. Michael Schmidt († 2014), der die 'Werkstatt für Photographie' gegründet hat, war als Fotograf selbst Autodidakt, erlangte aber schon vor seiner Ausstellung im Museum of Modern Art in New York 1996 internationales Renommée. Nun würdigt seine Heimatstadt Berlin ihn mit einer Retrospektive.

Als Michael Schmidt 2014 mit nicht einmal 69 Jahren starb, gab es bereits Verabredungen für eine große Retrospektive in seiner Heimatstadt Berlin, die jetzt, verteilt auf zwei Flügel des Hamburger Bahnhofs, endlich zu sehen ist. Sie zeigt die wichtigen Werkgruppen dieses Fotografen und folgt dabei seiner künstlerischen Entwicklung: Der eine Teil zeigt die Anfänge, als Schmidt seinen Beruf als Polizist aufgegeben hatte und von Kreuzuberg aus, wo er zunächst im Auftrag des Bezirks ein facettenreiches "Porträt" des Stadtteils (zunächst in Buchform) anfertigte, dann allmählich ganz Berlin mit der Kamera durchstreifte, um Menschen und Stadtlandschaften festzuhalten.

Ein Tableau aus Dutzenden von Fotografien in makelloser Perfektion

Der zweite Teil ist den umfangreichen Serien gewidmet, mit denen er sich schließlich von der Stadt löste und gesamtgesellschaftlichen Themen zuwandte - zuletzt die 2010 abgeschlossene Werkgruppe "Lebensmittel": Ein Tableau aus Dutzenden von Fotografien (darunter - erstmals in diesem an Grauabstufungen so reichen Werk - auch farbige Aufnahmen) von Nutztieren, Erntearbeitern, Obst, Wurst, Nahrungsmittel-Verpackungen usw., die in der Summe eine Art Bildatlas unserer Ernährungsweise ergeben und ebenso erstaunliche Analogien wie Diskrepanzen sichtbar machen: So findet die Pommes-Produktion beispielsweise auf Gitterblechen statt, deren Struktur dem Stallboden gleicht, auf dem ein Schwein liegt, und während eine Erntehelferin krumm, mit einem Müllsack vor der Witterung geschützt, auf dem Feld steht, wird ein grüner Apfel in makelloser Perfektion für die Kamera inszeniert.

Michael Schmidt, o.T. aus LEBENSMITTEL, 2006-2010 © Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt
Bild: Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt

Seine Vielschichtigkeit drängt sich nicht auf, wird auch nicht erklärt

Michael Schmidt, das macht diese Ausstellung deutlich, dachte immer in Zusammenhängen - visuell und inhaltlich. Er führte Ausschnitte der Wirklichkeit zusammen und legte dadurch, wie er diese Bilder kombinierte und präsentierte (in zahlreichen Publikationen ebenso wie in Ausstellungen, in denen er seine Werkgruppen als Fries oder als Tableaus hängte) Strukturen offen, die erst in der Zusammenschau auffallen. So kann man zwar die einzelnen Aufnahmen einer Serie wie "Berlin nach 45" (Entstehungsjahr 1980) als historische Dokumente betrachten.

Doch zeigen sie in der Summe mehr als ein graues Berlin der leeren Flächen und vereinzelter, schemenhaft im Nebel auftauchender Gebäude: Ex-negativo ist in den Häuserlücken und Brandwänden auch die Vergangenheit präsent - das, was hier einst war. Das ist die Struktur. In Michael Schmidts Arbeiten wird nicht nur ein Moment sichtbar, sondern auch, was diese momentane Erscheinung bestimmt. Diese Vielschichtigkeit drängt sich nicht auf und sie wird auch nicht erklärt - selbst Schmidts Buchprojekte kommen mit wenig bis gar keinem Text aus. Der Fotograf vertraute ganz offenbar seinen Bildern. Zu recht.

Silke Hennig, rbbKultur

Michael Schmidt – Retrospektive Fotografien 1965—2014