Thicket © Ina Reinecke
Bild: Ina Reinecke / Barkow Leibinger

Haus am Waldsee - Barkow Leibinger: "Revolutions Of Choice"

Bewertung:

Das Foyer der Schaubühne am Lehniner Platz, die Deutschlandzentrale der Mineralölfirma Total gegenüber des Berliner Hauptbahnhofs, Fabrikgebäude oder die Bühnenarchitektur für Christoph Waltz' Wiener Fidelio-Inszenierung: Die Bandbreite des Büros Barkow-Leibinger ist groß. Gegründet 1993 vom amerikanisch-deutschen Architekten-Duo Frank Barkow und Regine Leibinger ist es bereits das vierte international bedeutende Architekturbüro in Berlin, dessen Arbeit das Haus am Waldsee präsentiert

Die Ausstellung ist eine Einladung einzutauchen - nicht nur in ein vielgestaltiges Werk, sondern auch in eine Herangehensweise, die sich als Wechsel aus spielerischen Material- und Form-Erkundungen einerseits und High-Tech-Lösungen andererseits vollzieht. Reflektiert wird das nicht nur, indem in Metallregalen (die als improvisierte Wände die Raumordnung des Hauses "aufmischen") zahlreiche Modelle, sondern auch Material-Experimente mit Fäden, Draht, Keramik oder Metall gezeigt werden.

Und neben Vorarbeiten sogar ein "richtiges" Gebäude: Im Garten, fast am Ufer des Waldsees, steht die verkleinerte Adaption des temporären Pavillons, den Barkow Leibinger für die Serpentine Gallery in der Parklandschaft der Kensington Gardens in London entworfen haben. In Berlin nun besteht dieser Pavillon aus Aluminium-Bändern, in denen sich die Umgebung spiegelt.

Sie sind dergestalt verschlungen, dass sie wie eine überdimensionierte Geschenkschleife mal konvexe, mal konkave Formen bilden. In solchen Nischen laden Sitze zum Aufenthalt ein. Obschon der Pavillon über keinen geschlossenen Raum verfügt, schafft er so Rückhalt, ohne vom Park wirklich abgegrenzt zu sein.

Kinetic-Wall © Iwan-Baan
Bild: Iwan-Baan

Materialproben und Modelle

Das spielerische Experiment, das solchen Lösungen vorausgeht, verdeutlicht der Ausstellungsparcours im lockeren Wechsel von Materialproben und Modellen. Aus Metallrohren ausgefräste Segmente hier, treten dort beispielsweise als Streben in Erscheinung, die wie "ein- und ausatmende" Lamellen eine Fassade gliedern.

Besonders aufschlussreich für das Vorgehen von Barkow Leibinger ist der direkte Vergleich, den drei gut mannshohe Modelle für sozialen Wohnungsbau erlauben: Mit jeweils gleichem Grundriss und gleicher Geschosszahl unterscheiden sie sich doch fundamental durch die Art und Weise, wie Raum geschaffen wird. Ohne Wände im herkömmlichen Sinn werden die Geschossflächen mal durch Pfeiler aus schwarzem Netzgeflecht gegliedert – zu zweit, zu viert als Block oder nebeneinander gruppiert – und mal durch verschieden dicht gestellte, entrindete Baumstämme, bzw. durch keilförmige, leicht geschwungene Blöcke.

Serpentine © Iwan Baan
Bild: Iwan-Baan

Pavillon wie ein Schmuckstück

Hier zeigt sich auch deutlich, dass Barkow Leibinger keinen Stil im Sinne einer festgeschriebenen Ästhetik pflegen, sondern dass die Erscheinungsform ihrer Gebäude sich aus dem komplexen Zusammenwirken aller Faktoren ergibt, die darin zusammenfließen. Sie steht in Abhängigkeit zu den jeweiligen Vorgaben – wie Ort und Zweck – und geeignetem Material, das ggf. erst durch Experimentieren gefunden und erprobt werden muss. Mag der Pavillon auch wie ein dreidimensionales Schmuckstück im Park liegen, seine Form ist eine organische Antwort auf die Aufgabe, ein temporäres Bauwerk zu errichten, das "Draußen" und "Drinnen" verbindet.

Silke Hennig, rbbKultur