Georg-Kolbe-Museum © imago images / Jürgen Ritter
Bild: imago images / Jürgen Ritter

Georg Kolbe Museum - "Moderne und Refugium" – Georg Kolbes Sensburg als Architekturdenkmal der 1920er-Jahre

Georg Kolbe zählt zu den bedeutendsten Bildhauern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch heute noch prägen viele seiner ausdrucksstarken Figuren öffentliche Räume und Grünanlagen in Berlin und anderswo. Erstmals widmet das Georg Kolbe Museum jetzt seine Hauptausstellung dem Ort selbst und der Geschichte seiner Entstehung.

Ein schmuckloser Bau aus zusammengesetzten Kuben erhebt sich auf einem Waldgrundstück mit Kiefern. Die mit hellgebrannten Ziegeln verkleidete Fassade wird zur Straße hin durch Fenster aufgebrochen, eine Ziegelmauer schirmt den Garten von neugierigen Blicken ab. 1928/29 hatte sich der Bildhauer Georg Kolbe (1877 – 1947) sein Wohn- und Atelierhaus am westlichen Berliner Stadtrand, an der Sensburger Allee in Neu-Westend in Berlin-Charlottenburg, errichten lassen. Zu der Zeit war der Künstler war auf dem Höhepunkt seines Erfolgs und zugleich in einer tiefen Lebenskrise. Ein Jahr zuvor war seine Frau Benjamine Kolbe im Alter von erst 45 Jahren gestorben. Sie liegt auf dem Friedhof Heerstraße, ganz in der Nähe, begraben. Ganz bewusst hatte Kolbe sein neues Haus hier errichten lassen.

Georg Kolbe Museum Moderne und Refugium © Bildarchiv Georg Kolbe Museum; Foto-Enric Duch
Bild: Bildarchiv Georg Kolbe Museum; Foto-Enric Duch

Georg Kolbes Sensburg – eine Ikone der Architektur der Moderne

"Er hat dieses Haus als seine Burg bezeichnet," erzählt Julia Wallner, Direktorin des Kolbe-Museums, das 1950, vor genau 70 Jahren, kurz nach Kolbes Tod, in dem Atelierhaus eingerichtet wurde. "Er bezeichnete es immer wieder auch als sein „Lufthaus“, es ist so stark von Licht und Luft geprägt, die ganze Architektur mit den hohen Fensteröffnungen, mit diesem integrierten Garten mit den umfassenden Mauern, und dann wirklich der Charakter eines Refugiums, also Rückzugsort, ein Ort des konzentrierten Arbeitens aber auch des intimen Lebens, das geht hier Hand in Hand."

Auf zwei Etagen zeigt die Ausstellung "Refugium und Moderne. Georg Kolbes Sensburg als Architekturdenkmal der 1920er Jahre" historische Dokumente, Fotos, Kunstwerke aus dem Besitz des Bildhauers Kolbe sowie Skulpturen, die er hier in seinem Atelier schuf. Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte einer Architekturikone der Moderne, auf deren Entstehung der Bildhauer selbst großen Einfluss nahm. Möglich wurde die Ausstellung durch den Nachlass der Enkelin von Georg Kolbe, Maria von Tiesenhausen, die 2019 im Alter von 90 Jahren in Kanada verstarb. Sie hinterließ dem Museum zahlreiche Briefe, Fotos, Kunstwerke und weitere Dokumente, die ein neues Licht auf das Haus und seine Geschichte werfen.

Georg Kolbe Museum Moderne und Refugium © Bildarchiv Georg Kolbe Museum; Foto-Enric Duch
Bild: Bildarchiv Georg Kolbe Museum; Foto-Enric Duch

Heftige Auseinandersetzung zwischen Architekt und Bauherrn

Georg Kolbe war mit den Avantgarde-Architekten der Zeit wie Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius und Hans Poelzig eng befreundet. Doch mit den Plänen für seine Sensburg beauftragte er – möglicherweise aus Kostengründen - den weniger bekannten Schweizer Architekten Ernst Rentsch. Wie der Bildhauer in die Entwürfe eingriff, belegen jetzt erstmals Skizzen, die aus dem Nachlass der Enkelin Kolbes an das Museum gekommen sind.

Mit rotem Stift strich er energisch Details weg oder fügte andere an. Briefwechsel belegen zudem die z.T. heftige Auseinandersetzung zwischen Architekt und Bauherrn. Insbesondere über die Fassadengestaltung war ein Streit entbrannt: der Architekt wollte ursprünglich die Außenfassade weiß verputzten, Kolbe fand die rohe Ziegelfassade jedoch so schön, dass er sie belassen wollte, obwohl sich ein Nachbar, wie durch einen Brief belegt ist, heftig darüber beschwerte. Julia Wallner: "Bis heute prägt heute die Ziegelfassade die Optik nach außen und unterstreicht den burgartigen Charakter."

Georg Kolbe Museum Moderne und Refugium © Bildarchiv Georg Kolbe Museum; Foto-Enric Duch
Bild: Bildarchiv Georg Kolbe Museum; Foto-Enric Duch

Skulpturen, Bilder von Malerfreunden und private Fotos

Der größte Raum, das Atelier, öffnet sich mit wandhohen Fenstern zum Garten und erinnert fast an eine Produktionshalle. Fotos aus dem Nachlass belegen, wie Georg Kolbe den Raum und den Garten nutzte, um die Wirkung seiner Skulpturen in Verbindung mit der Architektur zu testen. Hier arbeitete er etwa an seiner Figur "Morgen", ein weiblicher Akt mit hochgereckten Armen. Ein Abguss schmückte Ludwig Mies van der Rohes berühmten "Barcelona-Pavillon", die Original-Bronze befindet sich in den Ceciliengärten in Berlin-Schöneberg. Julia Wallner: "Wir sehen auf ganz vielen Fotos, wie er ganz akribisch diese Platzsituation simuliert hat hier im Atelier."

Im Untergeschoss des Atelierhauses vermitteln Möbel sowie Bilder von Malerfreunden wie Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rotluff einen Eindruck von den Gegenständen, mit denen sich der Künstler umgab. Auf seinem Schreibtisch stand eine Porträtbüste seiner verstorbenen Frau Benjamine, daneben ein kleines Rehkitz seiner Bildhauer-Kollegin Renée Sintenis.

Gleich neben dem Atelierhaus wohnte Kolbes Tochter mit ihrer Familie. Erstmals ist in der Ausstellung auf privaten Fotos aus dem Nachlass der Bildhauer als Familienmensch zu erleben. Für Direktorin Julia Wallner eine berührende Entdeckung: "Das ist eine Seite von Kolbe, die wir überhaupt nicht kannten, also Kolbe mit seinen Enkelkindern, Kolbe mit seinen Katzen, mit seinen Hunden, Fotografien, die nochmal das private Leben hier zeigen."

Sonderschau mit Werken des japanischen Künstlers Shinichi Sawada

Ergänzend zu der Ausstellung zum Atelier- und Wohnhaus Kolbes zeigt das Museum im großen Atelier im Erdgeschoss Werke des japanischen Künstlers Shinichi Sawada in einer ersten Sonderschau. Er ist Jahrgang 1982 und Autist und arbeitet sehr zurückgezogen. 2013 wurden seine keramischen Arbeiten erstmals auf der Biennale in Venedig gezeigt. Stachelige Mischwesen aus Mensch und Tier bevölkern jetzt Georg Kolbes Atelier und nehmen den Dialog mit den expressiven Skulpturen des Hausherrn auf. Ihm hätte die Zwiesprache mit dieser Kunst, die übliche Grenzen durchbricht, wohl gefallen.

Sigrid Hoff, rbbKultur