Transit Kunstraum © Mike Gessner
Mike Gessner
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fabrik Potsdam - "Made in Potsdam 2021: Ein Kunstspaziergang"

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Zu einem "Kunstspaziergang" lädt die fabrik Potsdam ein, zu einer Aktion im Rahmen von "Made in Potsdam", dem kleinen Schwester-Festival der Potsdamer Tanztage, eigentlich immer im Januar zu sehen. Mit Filmen und Installationen will die fabrik Potsdam zeitgenössischen Tanz präsentieren und das Corona-konform. Dennoch musste der "Kunstspaziergang" bereits zweimal abgesagt und verschoben werden.

Gestern nun war es endlich so weit, obwohl lange Zeit unklar war, ob der "Kunstspaziergang" wie geplant oder nur eingeschränkt stattfinden kann, ob das Hygiene-Konzept, mit Masken und Abstand, nur zu zweit und überwiegend draußen, ausreicht. Deswegen war die Eröffnung auch lediglich ein Presse-Rundgang.

Am Abend kam dann die Genehmigung vom Kunstamt der Stadt Potsdam. Eine gute Nachricht nach den beiden Absagen im Januar und Februar, denn immerhin wird ja hier versucht, Tanz sichtbar zu halten, auf buchstäblich neuen Wegen und in anderen Formen.

Im Kunstraum Potsdam und rund um die fabrik Potsdam

Diese Wege führen nun etwa in den Kunstraum, die Galerie vorn an der Nuthestraße und sie führen im Rundgang um das Gebäude der fabrik herum. Hier kann man etwa die Körperdrucke von Yasmeen Godder sehen, der israelischen Choreografin. Sie hatte im besonders harten ersten Lockdown in Tel Aviv die Idee, Menschen um Abdrücke ihrer Körper auf Stoff zu bitten, denn, so Yasmeen Godder, im Lockdown würden die Menschen quasi von der Bildfläche verschwinden, aus dem öffentlichen Leben und auch aus dem Freundeskreis.

Yasmeen Godder – Körperdrucke "I’m here"

Im letzten Jahr hat Yasmeen Godder Potsdamer Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, in geschützten Räumen, zu Hause oder im verlassenen Tanzstudio Farbabdrucke ihrer Körper auf großen Stoffbahnen herzustellen, einige hängen nun in Originalgröße an der Außenwand der fabrik. Blaue, rote, gelbe Körper in zerlaufenden, zerfließenden Umrissen. Große, kleine, dicke, dünne, verformt, verfremdet, komisch und monströs zugleich, wie Kinderzeichnungen oder prähistorische Wandmalereien. Man spürt eine Nähe zu den zerfledderten skelettartigen Abbildern und bleibt doch auf Distanz – ein perfekter Kommentar zu den Zumutungen des Lockdowns.

"I’m here" heißt dieses Projekt – "Ich bin da" und, so möchte man hinzufügen: ich bin sichtbar, wenn auch nur schemenhaft.

Die Welt erkunden - Martine Pisani

Ein Sichtbarwerden emotionaler Zustände gelingt in der Filmversion eines Stückes der französischen Choreografin Martine Pisani, die schon oft in Potsdam zu Gast war, v.a. bei den Potsdamer Tanztagen. In ihrer Choreografie "As far as the eye can hear" hat sie drei junge Männer auf einen Abenteuertrip geschickt. In der eigens angefertigten Filmversion sieht man sie durch Wald und über Felder und Wiesen laufen, sie wandern scheinbar ziellos durch ihnen fremde Landschaften, scheinen alles, scheinen die Welt zum ersten Mal zu sehen oder überhaupt wirklich wahrzunehmen, schnüffeln an Erde, betasten Pflanzen, verlieren einander und irgendwie jeder auch sich selbst.

Ein amüsanter Roadtrip, die Welt ein Spielplatz, die Männer kindliche Entdecker.

Steine Zerstampfen – "Video für Draußen" - Maren Strack

Als Reaktion auf die Corona-Lockdowns haben Maren Strack und Johann Lorbeer im letzten Jahr ihre sogenannten "Videos für Draußen" inszeniert. Eines fasziniert besonders, denn hier sieht man eine Frau Steine zerstampfen. Sie tanzt mit Metallplatten an den Schuhen auf Ytong-Betonsteinen, teilweise zu kleinen Pyramiden aufgebaut, sie tanzt und stampft, bis die Steine zerbröseln.

Maren Strack ist Bildhauerin, Performerin und Musikerin, arbeitet auch mit Stahlplatten oder Latex als Material und dieses Stück wirkt nun wie ein Ausdruck gezielt gerichteter Wut und Eleganz. Dieser Frau kann nichts widerstehen, wenn sie schon Steine zu Staub zertanzen kann.

Verschwindende Häuser – "Thüringen" – Maren Strack

Hierfür hat sie eine kleine Landschaft gebaut, wie für eine Modelleisenbahn, nur dass die Häuser, also Kirche, altes Bürger-Wohnhaus, Beton-Platten-Neubau sehr viel größer sind und auf flauschigen grünen und braunen Stoffen stehen. Unter diesen befinden sich offensichtlich Blasebalge, die sich aufblasen und die Luft wieder ablassen. Die kleinen Häuser bewegen sich also auf und ab, versinken in den puscheligen Stoffen und tauchen wieder auf.

Die kleine Berg- und Tal-Landschaft verwandelt sich ständig, ist mal urbaner Raum, mal Natur, alles ist in Bewegung und Veränderung, im Vergehen und Auferstehen, was zu allen möglichen Assoziationen reizt. Der Eingriff des Menschen in die Natur oder Architektur als zeitabhängiger Ausdruck unserer Sehnsüchte und technischen Fähigkeiten oder zu der Frage, wie man die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, um sie zu verändern.

Viele mögliche Assoziationen, Anregungen, Einfälle zu diesem Projekt von Maren Strack. Und das gilt für den gesamten kleinen "Kunstspaziergang" der fabrik Potsdam mit Projekten in den Grenzbereichen von Tanz und Bildender Kunst und Filmkunst.

Frank Schmid, rbbKultur