Pablo Picasso, Les Femmes d’Alger (Version A) © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Allen Phillips / Wadsworth Atheneum
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Museum Berggruen - "Picasso & Les Femmes d’Alger"

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Im Winter 1954/55 schuf Pablo Picasso 15 Ölbilder und zahlreiche Grafiken, die heute als Beginn seines Spätwerks und eine seiner wichtigsten Serien gelten: "Les Femmes d'Alger". Als einziges öffentliches Museum in Europa besitzt die Nationalgalerie im Museum Berggruen mit der zwölften Version ("Version L") eines der Bilder aus Picassos Serie. Das war der Anlass für dieses Ausstellungsvorhaben, das nun rund 200 Jahre Kunstgeschichte umspannt.

Ausgangspunkt der Serie "Les Femmes d'Alger" war die Auseinandersetzung des Malers mit dem Vorbild Eugène Delacroix, dessen gleichnamige Darstellung dreier Haremsdamen mit Dienerin und Wasserpfeife 1834 im Pariser Salon für Furore sorgte. Am Blick in die gemeinhin verborgene orientalische Frauenwelt entzündete sich nicht nur die Fantasie der Zeitgenossen.

Delacroix, der später noch eine kleinere Fassung malte, die jetzt im Museum Berggruen den Ausgangspunkt der Ausstellung bildet, inspirierte auch zahlreiche nachfolgende Künstler.

200 Jahre Kunstgeschichte

Als einziges öffentliches Museum in Europa besitzt die Nationalgalerie im Museum Berggruen mit der zwölften Version ("Version L") eines der Bilder aus Picassos "Les Femmes d'Alger"-Serie. Das war der Anlass für dieses Ausstellungsvorhaben, das nun rund 200 Jahre Kunstgeschichte umspannt. Denn dafür wurden im Stülerbau nicht nur mehr als die Hälfte von Picassos in alle Welt verstreutem Zyklus versammelt - erstmals seit 60 Jahren in Deutschland, sondern auch Vor- und Nachbilder, d.h. zeitgenössische Arbeiten rund um den "orientalischen Körper".

Auslöser

Eine kleine Zeichnung Picassos illustriert, dass er sich bereits 1940 mit Delacroix' Gemälde und dessen Vorarbeiten dazu beschäftigt hat. Bei Picasso allerdings fällt alles Beiwerk weg: Ganz aus schwungvollen Rundungen konstruiert er zwei der am Boden hockenden Frauen.

Als er sich 14 Jahre später dann so intensiv mit den "Femmes d'Alger" beschäftigt, ist gerade der Algerienkrieg ausgebrochen und der Malerkollege Henri Matisse gestorben. Beides dürften Auslöser für Picassos Arbeit an der Serie gewesen sein. Zwei von Matisse' auf Kissen und in eine Vielzahl bunter Muster gebetteten "Odalisken" zeigen, was Picasso an diesem Künstler schätzte: Farbgebung und ein kreativer Umgang mit der Anatomie.

Malerische Metamorphosen

Beides treiben die "Femmes d'Alger" auf die Spitze. Bei Picasso werden die Köpfe der Frauen klein, die Körper zu Pyramiden. Kugelbrüste und Gliedmaßen machen sich selbständig. Mal erscheinen die Frauen gleichzeitig von mehreren Seiten erfasst oder aufgelöst in einzelne Formen, die sich einfügen in eine Fülle von Mustern, die - wie ein sechseckiges Tischchen - immer wieder auch Delacroix zitieren. Von Bild zu Bild entstehen immer neue Metamorphosen: An die Stelle einer Kakteen-artigen Gestalt tritt auf einem anderen Blatt eine Figur, die eher einem Sitzsack ähnelt.

Wie ein Kind sein Spielzeug untersucht der Maler den weiblichen Körper (und seine Vorbilder Delacroix und Matisse), nimmt alles auseinander, fügt neu zusammen.

Befreier der Frauen

Dass Picassos "Femmes d'Alger" auch aus feministischer Sicht durchaus als progressiv interpretiert werden können, mag überraschen. Genau so aber sah es die algerische Schriftstellerin Assia Djerba, die im zeitgenössischen Teil der Ausstellung zitiert wird. Sie sah Picasso als "Befreier", der der Orientalin den Schleier abgerissen und die Bewegung zurückgegeben hat.

Es ist ein kluger Abschluss dieser Ausstellung, der europäisch-männlich geprägten Kunsthistorie auch noch einen zeitgenöisschen, nicht-europäischen Blick auf die "Frauen von Algier" und den "orientalischen Körper" gegenüber zu stellen: Eine belebende Perspektive - nicht zuletzt für den "Klassiker" Picasso.

Silke Hennig, rbbKultur