Gemäldegalerie: Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit – Ausstellungsansicht, 2021; © Staatliche Museen zu Berlin/David von Becker
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Gemäldegalerie - "Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit"

Bewertung:

"Fremdartig, barbarisch" - so könnte man das italienische Wort gotico übersetzen. Pate dafür stand der germanische Stamm der Goten und "Gotik" wurde zum Begriff für eine kunsthistorische Epoche, die dem Mittelalter zugerechnet und – wie der Name nahelegt – lange nicht sehr wertgeschätzt wurde. Ihren Ausklang bildet das 15. Jahrhundert, das Gegenstand dieser umfassenden Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie ist.

Es stellt einen Übergang zur Neuzeit dar, der mit "Spätgotik" nur grob charakterisiert ist. Denn während sich in diesem Jahrhundert südlich der Alpen bereits die Renaissance voll entfaltet, mischen sich in Mitteleuropa ältere mit neueren Stil-Merkmalen. Malen die einen noch auf Goldgrund, rücken andere bereits die Landschaft, den realen Raum ins Bild. Gibt es zu Anfang bereits den weichen, sogenannten "internationalen Stil" und im weiteren Verlauf dann große regionale Unterschiede.

Die Verbreitung von Neuem

Da nicht nur die Gemäldegalerie über exquisite Bestände aus dem 15. Jahrhundert verfügt, sondern auch das Bode Museum, musste man nur in geringem Maß auf andere Leihgeber zurückgreifen, um aufzuzeigen, wie sich Malerei, Bildhauerei, aber auch Gold- und Silberschmiedekunst, sowie Grafik und Buchdruck entwickelt haben. Letztere brachten eine wahrhaft umwälzende Entwicklungen: Mit den Vervielfältigungsmöglichkeiten, die es ab etwa 1400 dank Holzschnitt und Kupferstich und rund 50 Jahre später dann auch noch mit der Erfindung des Buchdrucks gab, konnten Neuerungen sehr viel leichter und weiter verbreitet werden.

Künstler waren zwar auch damals schon sehr mobil, aber nun mußten sie nicht mehr selbst nach Flandern reisen, um die Malerei eines Jan van Eyck oder Rogier van der Weyden zu studieren, die damals Maßstäbe setzten. Deren Manier und "Formulierungen", das zeigt die Ausstellung, tauchen mit einem Mal in Bildern anderer Maler zum Beispiel in Süddeutschland auf.

Wirklichkeitsnähe

Auffällig ist, wie im 15. Jahrhundert die Künstler versuchen, ihre Werke mit immer mehr Lebensähnlichkeit auszustatten. Um den Betrachtern die vornehmlich christlichen "Botschaften" möglichst nahe zu bringen, ziehen sie immer mehr Register. Wie in einem Comic – nur freilich mit heiligem Ernst – stellt etwa der in Köln tätige Maler Stefan Lochner auf einem Klappaltar das Martyrium von Heiligen als Bilderbogen dar. Er malt, wie dem einen die Haut abgezogen, einem anderen der Kopf abgeschlagen wird usw. - und lässt an Drastik nichts zu wünschen übrig.

Malerei trainiert ihre "Muskeln"

Auch das Licht wird als Mittel entdeckt, um Figuren und Szenerie plastisch und dramatisch zu gestalten. Das Publikum sollte mitfühlen und mitleiden. Je illusionistischer und einfallsreicher die Malerei dabei wurde, umso mehr löste sie auch die Bildhauerei als "Leitmedium" ab.

Auch das ist eine Entwicklung des 15. Jahrhunderts, die die Ausstellung vor Augen führt: Man sieht, wie die Malerei gewissermaßen ihre "Muskeln" trainiert und immer stärker wird.

Kontext

Die meisten Exponate entstanden ursprünglich für Kirchen oder Kapellen - oftmals sind es nur Teile eines ursprünglich größeren Ganzen: Predella, Seiten- oder Mittelflügel eines Altars beispielsweise. Auch der Geschmack am Mittelalter, der im 19. Jahrhundert dazu führte, dass solche Werke überhaupt ins Museum kamen, ist der Ausstellung einen kleinen Exkurs wert.

Aber sie zeigt auch einige Beispiele profaner Kunst - etwa einige frühe Porträts wohlhabender Bürger. So geht der Wandel in der Kunst auch mit sozialem Wandel einher, der den Künstlern neue Auftraggeber beschert. Auch so wird die Kunst immer irdischer.

Staunen

Das 15. Jahrhundert ist in dieser Ausstellung als eine Epoche erstaunlicher Entwicklungen zu entdecken: Im wahrsten Sinne "Grund-legend" für die Neuzeit, zeichnet sich die Kunstproduktion durch Experimentierfreude und großen Ausdruckswillen aus.

Das Mittelalter entpuppt sich hier als ganz und gar nicht finster und fern. Allein die sensationellen Glasmalereien aus dem Kreis des in Straßburg tätigen und schon zu Lebzeiten berühmten Peter Hemmel sind so raffiniert und farblich brillant, als wären sie gestern und nicht vor einem halben Jahrtausend entstanden.

Silke Hennig, rbbKultur