Joseph Beuys in seiner Wohnung in Düsseldorf, 1981 © Joseph Beuys in seiner Wohnung in Düsseldorf, 1981
Joseph Beuys in seiner Wohnung in Düsseldorf, 1981
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Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart, Berlin - "Von der Sprache aus. Joseph Beuys zum 100. Geburtstag"

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1985, wenig Monate vor seinem Tod, erklärte Joseph Beuys in einer Rede in den Münchner Kammerspielen, dass sein "Begriff des Plastischen" im Sprechen und Denken beginne. Dieser grundlegenden Bedeutung von Sprache für sein künstlerisches Schaffen geht diese Ausstellung im Hamburger Bahnhof im Jahr seines 100. Geburtstags nach.

Joseph Beuys' Werk und seine Person sind nicht zu trennen. Und so weht seine Stimme immer wieder durch die Ausstellungshallen, etwa mit der auf Schallplatte gepressten Sprachpartitur "Ja, ja, ja, ne, ne, ne" von 1968. Auf minimalistische - auch witzige - Weise zeigt er hier die unzähligen Bedeutungsverschiebungen, die Worte durch Betonung erfahren - selbst wenn sie so einfach sind wie 'Ja' und 'Nein'.

Sprechen als bildhauerisches Mittel

Aber Beuys konnte auch anders, direkter: Er stritt und diskutierte – in Podiumsdiskussionen vor Publikum, im Fernsehen, oder 100 Tage lang auf der Kasseler documenta. Insbesondere die gesprochene Sprache, so die These von Ausstellungskuratorin Nina Schallenberg, war für den Künstler ein bildhauerisches Mittel.

Wie eine Plastik, die sich aus seinem Mund heraus in den Raum formt

Schon in den 50er Jahren stellt Beuys in Zeichnungen die Lautbildung im Kehlkopfbereich dar, illustriert, wie sich Sprache formt und den Körper verlässt. Damit wird die Voraussetzung geschaffen, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Denn Sprache ist Kommunikation, ist ein soziales Werkzeug.

Am Anfang – auch in diesem Ausstellungs-Parcours – steht allerdings "Schweigen": Etwa fünf galvanisierte Filmrollen von Ingmar Bergmans gleichnamigem Film - ein Multiple, das 1973 entstand. Oder auch Beuys' stumme Aktion "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt", bei der er in stiller Zwiesprache sich bei der Ausstellungseröffnung allein der toten Kreatur widmete, und die Besucher nur von draußen zusehen ließ.

Joseph Beuys, Richtkräfte einer neuen Gesellschaft © VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Mathias Völzke
Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Mathias Völzke

Roter Faden

Über Kapitel wie "Laute", "Begriffe", "Schrift" führt die Ausstellung durch eine Vielzahl von Räumen und durch das Beuys'sche Schaffen - vorbei an Hauptwerken wie den raumfüllenden Talg-Blöcken, "Unschlitt/Tallow" oder der 100-teiligen Installation "Richtkräfte für eine neue Gesellschaft".

Hier wurde aus gesprochener Sprache Schrift: Während Vorträgen und Diskussionen hatte Beuys Stichworte, Sätze, Pfeile auf Kreidetafeln notiert - ähnlich seinem großen Inspirator Rudolf Steiner – und schließlich zu einer endgültigen Form angeordnet: Auf einem raumfüllenden Podest liegen die beschriebenen Kreidetafeln über- und nebeneinander – kaum mehr lesbar, Schlusspunkt eines Prozesses.

Kommunikation mit allen Mitteln

So entstand aus der Arbeit heraus immerzu neues Material für neue Arbeiten. Wie ein Satz, der durch Umstellung von Worten neue Bedeutung erfährt, arbeitete Joseph Beuys über Jahrzehnte hinweg an und mit denselben Themen. Begann seine Auseinandersetzung mit der Lautbildung zeichnerisch bereits in den 50er Jahren, setzte er das Thema der "Kommunikation durch Laute" in Aktionen wie dem "Ö Ö Programm" später fort, bei dem er keine Worte, nur Ö-Laute ins Mikrofon sprach.

Kommunikation benötigt Aufmerksamkeit. Die erzeugte Beuys durch solche Irritationen oder auch Provokationen, aber auch, indem er den Fokus auf seine Person lenkte - wie zahlreiche Plakate und Einladungskarten belegen, die keine Werke zeigen, sondern den Künstler selbst. Auch das ist Kommunikation - und Anregung zum Selber-, Weiter-, Andersdenken.

Silke Hennig, rbbKultur