Jüdisches Museum Berlin: Yael Bartana © Auftragsarbeit für das Jüdische Museum Berlin
Auftragsarbeit für das Jüdische Museum Berlin
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Jüdisches Museum Berlin - "Yael Bartana – Redemption Now"

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"Erlösung Jetzt" - wer hätte sich das nicht zwischendurch gewünscht in diesem Pandemie-Jahr! Gerade in Krisenzeiten haben Heilsversprechen Konjunktur, sind einzelne Gruppen bis hin zu ganzen Nationen empfänglich dafür, was religiöse oder politische Anführer als "Erlösung" anbieten. Mit "Redemption Now" gibt das Jüdische Museum Berlin Einblick in das Werk der israelischen Künstlerin Yael Bartana.

Die Künstlerin erkundet in Filmen, Fotografien, Objekten und performativen Projekten die "Bildsprache von Identitäten" und "die Politik der Erinnerung", wie sie selbst es nennt. Sie zeigt reale wie fiktive öffentliche Rituale und Zeremonien und wie damit kollektive Identitäten geschaffen werden.

Malka Germania

Im Zentrum der Ausstellung steht die dreiteilige Videoarbeit "Malka Germania", die als Auftragsarbeit entstand und in der viele Motive zusammenkommen, die auch in früheren Werken Bartanas zu finden sind: Bilder und Zeichen, die auf Militarismus und Macht, auf Gemeinschaften, auf Utopie und - in diesem Fall deutsche - Vergangenheit verweisen.

Im Zentrum steht eine androgyne, weiß gewandete Gestalt, die sich zunächst im Wald, dann entlang von Eisenbahngleisen, am Wannsee und an Badenden vorbei, schließlich auf einem Esel durchs Brandenburger Tor und das heutige Berlin bewegt, vorbei an Polizisten mit geifernden Hunden und immer wieder Soldaten in Kampfmontur - gelegentlich auch mit israelischer Flagge. Der Blick dieser messianischen Figur ruft unterschiedliche Zeit- und Realitätsebenen hervor, verwebt eine diffuse Vergangenheit mit Gegenwart, einer möglichen Zukunft.

Was ist Erlösung

Erlösung ist nach Yael Bartanas Auffassung ein - oftmals falsches - Versprechen von Veränderung. Wie diese Veränderung zu bewerten ist - gut oder schlecht - bleibt in ihren Arbeiten immer entschieden uneindeutig. Wie ist beispielsweise die 'jüdische-Renaissance-Bewegung in Polen' gemeint - ein Projekt, mit dem sie 2011 auf der Biennale in Venedig von sich reden machte? In Form einer filmischen Trilogie, flankiert von fiktiven Erinnerungsstücken und Merchandise-Produkten, wird damit eine Rückkehr von Jüdinnen und Juden nach Polen propagiert - sowie aller anderen, für die "in ihrer Heimat kein Platz ist".

Bartana überträgt den zionistischen Traum von der Rückkehr in eine verlorene Heimat auf Polen - inklusive der Errichtung eines Kibbutz dort, wo einst das Warschauer Ghetto war. Utopie und Horror werden so schmerzhaft ineinander geblendet.

Jüdisches Museum Berlin: Yael Bartana © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff
Bild: Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff

Kein passives Publikum

Die Irritation, die die Künstlerin erzeugt, indem sie reale Vorbilder durch Fiktion spiegelt und verkehrt, führt in viele Richtungen. Die Betrachter müssen selbst entscheiden, welcher sie folgen, was für sie "die Geschichte" ist. Geschickt verweist auch die Ausstellungsarchitektur auf diese verschiedenen Richtungen, bietet Aus- und überraschende Durchblicke. Am Ende erscheint diese Übersichtsschau nicht als Abfolge einzelner Werke aus 20 Jahren, sondern eher wie einander verstärkende und ergänzende Facetten einer zusammenhängenden Arbeit.

Rituale und kollektive Identität

Dabei nutzt Yael Bartana nicht nur Formen und Ästhetik von Propaganda. Am Anfang der Ausstellung etwa stehen dokumentarische Filmaufnahmen, die sie von religiösen Riten und säkularen Ritualen gemacht hat - sie selbst spricht von "Amateur-Anthropologie": Ultra-orthodoxe Juden beim Purim-Fest einerseits, andererseits zum Beispiel, Männer, die immer freitagnachmittags an einem felsigen Strandabschnitt bei Tel Aviv ihre Geländewagen auf die unmöglichsten Proben stellen.

Es sind höchst unterschiedliche Gemeinschaften, aber ihr kollektives Gebaren wirft die gleichen Fragen auf: Was verbindet sie, was und wer bleibt auf der Strecke? Yael Bartanas Kunst liefert keine Antworten, aber viele solcher Fragen.

Silke Hennig, rbbKultur