Die Liste der "Gottbegnadeten; hier: Richard Scheibe – Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944, Berlin, 1953; © DHM/Foto: Thomas Bruns, 2020
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Deutsches Historisches Museum - Die Liste der "Gottbegnadeten"

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Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt bereits seit einigen Monaten die Ausstellung "documenta. Politik und Kunst", in der u.a. auch den personellen Kontinuitäten zwischen Nationalsozialismus und bundesrepublikanischer Nachkriegszeit nachgegangen wird. Vertieft wird das durch diese zweite Ausstellung, die den Spuren derjenigen Künstler folgt, die von Hitler und Goebbels 1944 auf die sogenannte "Gottbegnadeten-Liste! gesetzt und damit unter besonderen Schutz gestellt wurden.

Auf dieser Liste standen Vertreter aller Kunstgattungen, doch konzentriert sich die Ausstellung ganz auf bildende Künstler – ausschließlich Männer – von denen sich erstaunlich viele Werke nach wie vor im öffentlichen Raum befinden. 114 Bildhauer und Maler wurden als "gottbegnadet" und damit "unabkömmlich" deklariert, d.h. diese Künstler blieben von Kriegs- oder Rüstungsdienst verschont. Darunter befanden sich Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Brecker, Josef Thorak, aber auch heute weitgehend vergessene Künstler wie der Maler Hermann Kasper. Dabei war auch seine Karriere nicht mit dem Untergang des "1000-jährigen Reichs" beendet.

Die Karrieren gingen weiter

Kasper wurde von der NS-Führungsriege für seine Mosaike geschätzt. 1934 erhielt er durch einen ersten Kunst-am-Bau-Wettbewerb (für öffentliche Bauvorhaben hatten die Nazis das gerade verbindlich gemacht) den Auftrag für einen monumentalen Mosaikfries mit Hakenkreuz-Motiv im Kongress-Saal des Deutschen Museums in München. Fertig wurde er mit diesem Auftrag allerdings erst nach Kriegsende!

Trotz Protesten erhielt Kasper Ende der 50er Jahre auch seine Professur an der Münchner Akademie zurück und obwohl 1968 der Asta seine NS-Vergangenheit massiv anprangerte, blieb er weiterhin im Amt. Es sind solche Einzel-Beispiele, die offenbar keine Ausnahmen darstellten, anhand derer die Ausstellung zeigt, wie von den Nazis mit Aufträgen verwöhnte Künstler der Gottbegnadeten-Liste nach dem Krieg oft fast nahtlos in Deutschland und Österreich weiterarbeiten konnten: Ihre alten Professuren zurück oder neue erhielten, an Wettbewerben – selbst für NS- oder KZ-Gedenkstätten – teilnahmen und gelegentlich auch gewannen.

Arno Breker, der wohl prominenteste Fall, machte noch eine regelrechte Alterskarriere als Porträtist – gerade auch von Prominenten. Sein jüngerer Bruder Hans dagegen arbeitete unter dem Namen "Hans van Breek" weiter. Damit kaschierte er anscheinend hinreichend seine NS-Karriere, um Professor in Weimar zu werden und sich am Wettbewerb für ein Buchenwald-Denkmal zu beteiligen. Als ehemals "Gottbegnadeter" mit Anschluss-Karriere in der DDR war er allerdings eine Ausnahme. 1954 ging er zurück in den Westen, wo er weiter öffentliche Aufträge bekam.

DHM Liste der Gottbegnadeten

Kunsthistorische Betrachtungen fehlen

Wie sich die Kunst dieser Männer stilistisch wandelte nach dem Krieg, lässt sich allenfalls an den Werken ablesen, die die Ausstellung zeigt. Die notorisch schwierige Frage nach den ästhetischen Merkmalen von NS-Kunst bleibt ausgeklammert und ist eine spürbare, wenngleich in einem Geschichtsmuseum auch nachvollziehbare Fehlstelle. Das DHM konzentriert sich stattdessen auf zeitgeschichtliche Fragen: Wer hat wann was gemacht? Wer hat diese Künstler nach 1945 weiter unterstützt und wie wurde das öffentlich diskutiert?

"Sie können mir keine politischen Fragen stellen"

Dass diese Diskussionen mit der Studentenrevolte Ende der 60er Jahre tatsächlich begannen und sofort heftig wurden, illustrieren u.a. Fernseh-Mitschnitte, in denen gegen Ausstellungen demonstriert wird oder Gesprächspartner versuchen, die inzwischen alten Männer mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren. Die allerdings zeigen sich unzugänglich und unverbesserlich. "Sie können mir keine politischen Fragen stellen" sagt etwa Arno Breker, unterstützt und abgeschirmt von seinem Galeristen.

Der öffentliche Raum

Die Ausstellung entlässt ihre Besucher mit einer "Dia-Show": Aufnahmen von öffentlichen Denkmälern, Reliefs, Statuen – heute, überall in Deutschland und Österreich, teilweise aus der NS-Zeit, teilweise später entstanden, aber von denselben Künstlern und im Auftrag von Kommunen, Unternehmen, Kirchen. Wer sehen muss, um zu glauben, dass es 1945 eben nicht zum großen Bruch mit der NS-Vergangenheit kam, dass personelle Kontinuitäten keine Ausnahme waren: Hier sind die Bilder.

Silke Hennig, rbbKultur