Neue Nationalgalerie: Alexander CalderFive Swords, 1976 © 2021 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York. VG-Bildkunst Bonn, 2021 / Foto: David von Becker
Bild: 2021 Calder Foundation, New York / Artists Rights Society (ARS), New York. VG-Bildkunst Bonn, 2021 / Foto: David von Becker

Neue Nationalgalerie - "Alexander Calder. Minimal / Maximal"

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Von Anfang an, seit ihrer Eröffnung 1968, wird die Neue Nationalgalerie auf ihrer Terrasse flankiert durch eine raumgreifende Plastik des amerikanischen Bildhauers Alexander Calder. Während 'Tête et Queue' jetzt, nach der Sanierung des Gebäudes, wieder draußen steht, feiern sich drin, in Mies van der Rohes gläserner, durchlässiger Halle, Calders und Mies‘ Werk gegenseitig.

Eine fast sechs Meter aufragende Arbeit aus tonnenschweren Stahlplatten, die in eleganten Schwüngen vom Boden abheben und nach oben hin auseinanderstreben: "Five Swords", entstanden 1976, dem Todesjahr Alexander Calders, ist das "Maximum", das größte "Trumm" in dieser Ausstellung. Und doch – platziert inmitten von Mies van der Rohes strenger Architektur erinnern diese "Fünf Schwerter" mit ihrem munter-orangeroten Anstrich an eine Art Narrenkappe. Die monumentale Plastik und die monumentale Halle relativieren sich gegenseitig, beide wollen durch Bewegung erfahren werden. Es sind solche Gemeinsamkeiten, die diese Paarung ideal erscheinen lassen.

Ausprobieren

Dabei lehrt Calders Werk, dass "groß" nicht immer auffallen muss. Manche seiner Mobiles z.B. sind durchausgroß, doch wenn die filigranen Bügel, die sie zusammenhalten, vor unruhigem Hintergrund "verschwinden", scheint es, als würden die weißen Scheiben, die daran hängen, einfach in der Luft schweben. Leichter geht nicht. Andere machen dagegen in Primärfarben auf sich aufmerksam, und selbst die allerkleinsten, Spielzeug-großen greifen in den Raum hinein, indem sie hinreißende abstrakte Schatten werfen. Zurecht sah Calder in diesen "Minis" mehr als nur Modelle für große Arbeiten. Eine Gruppe von "Standing Mobiles", die in einer beigegebenen Zigarrenbox transportiert werden können – ein Geburtstagsgeschenk für die Ehefrau des Künstlers – illustriert nicht nur eine spielerische Herangehensweise, sondern auch die ernsthafte Neugier, diese Skulpturen in unterschiedlichen Umgebungen "auszuprobieren".

Noch immer aktuell

Bis in die 60er Jahre hinein durften Besucher noch selbst Hand anlegen, um etwa Calders Mobiles oder die stehenden 'Stabiles' in Bewegung zu versetzen. Jetzt, in der Neuen Nationalgalerie, wird das regelmäßig durch geschultes Personal erfolgen. Das interaktive Moment der Arbeiten lässt sie noch heute aktuell erscheinen – steht aber leider in krassem Widerspruch zu konservatorischen Gesichtspunkten. Damit es zumindest ein wenig erfahrbar wird, wurde ein von Calder entworfenes blau-rotes Schachspiel reproduziert und Tische laden ein, es selbst auszuprobieren. Nicht nur schauen, sondern erleben, teilnehmen. Dieser partizipative Charakter von Calders Werk wird allzu oft übersehen, glaubt Udo Kittelmann, der ehemalige Direktor der Nationalgalerie und Initiator dieser Ausstellung. In seiner Hinwendung zum Publikum, hält er den Künstler, der bereits 1929 erstmals in Berlin ausstellte, für eine Ausnahme-Erscheinung. Bleibt zu hoffen, dass das Publikum diese Hinwendung erwidert. Ein passender Ort dafür ist jedenfalls gefunden.

Silke Hennig, rbbKultur