The Lighthouse of Digital Art © Anke Sterneborg
Anke Sterneborg
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RAW-Gelände - "The Lighthouse of Digital Art"

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Kunst als physisch-sinnliches Gesamterlebnis: Van Gogh als digitale Raum-Erfahrung auf dem Gelände der Station in Kreuzberg, die gespiegelten Infinity-Räume von Yayoi Kusama im Martin Gropius Bau, die kinetischen Licht-Raum-Installationen von "Dark Matter" in Lichtenberg: Die Möglichkeiten moderner Computertechnik lassen digitale Kunstinstallationen boomen. Heute wird auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain eine neue Attraktion eröffnet: "The Lighthouse of Digital Art".

Ein Raum aus Licht und Farbe, gefüllt mit sphärischen Klängen. Als Zuschauer macht man es sich auf Sitzsäcken oder im Liegestuhl bequem, während ringsherum organische Farbschlieren und geometrische Formen in einer 360 Grad-Erfahrung über die Wände fließen, kriechen, tanzen und hüpfen. Eine Welt aus Farben, Formen und Klängen, in der man als Zuschauer auch selber zur Projektionsfläche wird.

Virtual Reality ohne Brille

Drei Jahre lang haben die beiden jungen Musiker Vasily Fedotov und Balthazar Jungnell das Projekt vorbereitet. Heute wird in einer Halle auf dem RAW-Gelände "Deutschlands einzige Galerie für digital erlebbare Kunst" eröffnet.

Angefangen hat alles mit einem Faible für virtuelle Realitäten, erzählt Vasily Fedotov, der vor 17 Jahren zum Marketing-Studium aus Russland nach Berlin gekommen und geblieben ist:

"Ich fand Virtual Reality seit Jahren sehr spannend und habe ein Jahr Experimente gemacht, in denen man durch einen Raum aus visualisierter Musik fliegt. Damals dachte ich, dass es cool wäre, wenn das ohne Virtual Reality-Brille möglich wäre. Dann habe ich vor drei Jahren Balthazar angerufen und gefragt: 'Was machst du so die nächsten zwei Monate?'"

"Zero Hour": Ein Neuanfang nach der Pandemie

Schon länger haben die beiden Musiker mit Bildmotiven als Zugabe zu ihren Kompositionen experimentiert, ergänzt der Schwede Balthasar Jungnell: "Wir haben in den letzten Jahren viele visuelle Motive in unsere Musik integriert, doch meistens war das nur ein Extra-Effekt."

Jetzt sollen sich Bild- und Tonebene gleichwertig ergänzen, und immer wieder auch direkt aufeinander reagieren: "Wenn ein Ton länger gehalten wird, dann ist das an Bilder gekoppelt, dann füllt sich der Raum mit bestimmten Farben."

Die aktuelle Lichtinstallation, die zunächst als Dauerausstellung laufen soll, heißt "Zero Hour", bezogen auf die Stunde Null, den Neuanfang nach der Pandemie. Sie besteht aus zwei ineinander übergehenden Teilen, der erste mit kosmischen Bildern in lila-rosa Tönen, die an Weltraumereignisse erinnern, feine Sternennebel und Milchstraßenschlieren, irgendwann eine gigantische Sonne, die sich von oben ins Bild schiebt und von einem schwarzen Riesenplaneten verdrängt wird. Die sphärischen Klänge dazu stammen zum Teil aus den NASA-Archiven, beispielsweise der erst vor kurzem erstmals aufgezeichnete Gravitationswellen-Sound, den ein Stern macht, wenn er in einem schwarzen Loch verschwindet.

Eine Reise durch Klänge, Farben und Formen

Es ist faszinierend zu sehen, wie die digitalen Bilder über die vier Wände und den Boden ziehen, wie Formen erblühen und fließend wie in einem flüssigen Kaleidoskop ineinander übergehen. Der zweite Teil der Klang- und Bild-Reise führt in psychedelische Kunstwelten, mit organisch fließenden Farbschlieren und geometrisch konstruierten Op Art-Mustern.

Die Technik dahinter ist enorm aufwendig: 37 an der Decke hängende Laserprojektoren sind so programmiert, dass die hochauflösenden Bilder nahtlos über rund 300 Quadratmeter Wand- und Bodenfläche fließen. Während im Kino gerade großer Wirbel um 4K gemacht wird, kommen hier spektakuläre 32K zum Einsatz: "Wir haben das relativ schnell entwickelt, in drei, vier Monaten. Aber es ist technisch sehr aufwendig, wenn Museen sowas umsetzen, brauchen sie zwei bis drei Jahre. Wir haben eine sehr hohe Auflösung, 300 Hochleistungscomputer haben das Ganze vier bis fünf Tage berechnet.“

In Zukunft: Künstler, Konzerte und ein Infinity-Raum

Finanzieren muss sich das aufwendige, teure Projekt über die Eintrittsgelder. Nach den aktuellen Hygienemaßnahmen dürfen im 45 Minuten-Rhythmus 20 Personen gleichzeitig in die magische Kammer, da bleibt viel Bewegungsspielraum. Die ersten Tickets waren schnell ausverkauft.

Für die Zukunft haben Fedotov und Jungnell ehrgeizige Pläne. Etwa ab September wollen sie als Galeristen agieren und Künstler in ihre Räume einladen. Es sollen Konzerte stattfinden, Jazz oder Klassik, bei denen die Musik von reaktiven Bildern begleitet wird. Und im kleinen Nebenraum entsteht ein Infinity-Space, der von Yayoi Kusama inspiriert ist und in etwa zwei Monaten eröffnet werden soll.

Anke Sterneborg, rbbKultur