Johann Erdmann Hummel: Das Schleifen der Granitschale, 1831, Öl auf Pappe (Ausschnitt); © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
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Alte Nationalgalerie - "Magische Spiegelungen – Johann Erdmann Hummel"

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Der Maler, Zeichner und Illustrator Johann Erdmann Hummel wurde 1809 als Professor für Perspektive, Architektur und Optik an die Berliner Kunstakademie berufen. Von Kassel hatte ihn sein Weg über Rom nach Preußen geführt, wo er wegen seiner auffälligen Vorliebe für überaus präzise räumliche Darstellungen den Beinamen "Perspektiv-Hummel" bekam. Mit dieser groß angelegten Ausstellung in der Alten Nationalgalerie, die mit der Publikation seines Werkverzeichnisses einhergeht, wird Johann Erdmann Hummel jetzt "wiederentdeckt". Nicht zum ersten Mal.

Als die Nationalgalerie Hummel erstmals 1924 mit einer "Gedächtnisausstellung" ehrte, trafen seine wie blitzblank geputzten, über-realistischen Bilder voller Spiegelungen offenkundig einen Nerv.

Rausch der Nüchternheit

Auch die Künstler der Neuen Sachlichkeit rückten zu dieser Zeit der Realität mit größter Genauigkeit zu Leibe. Und so wurde am Werk des 1852 verstorbenen Malers u.a. der "Rausch der Nüchternheit" gelobt. Wie damals, so die These der Ausstellungsmacher, gebe es auch heute wieder ein verstärktes Interesse an einer Wiedergabe der Wirklichkeit, sei Hummel wiederum aktuell.

Um diese Wiederkehr ähnlicher Interessen in der Kunst zu illustrieren - ein wenig halbherzig allerdings - hängen zwischen Porträts, die Hummel von Familienmitgliedern und Freunden malte, auch solche der Neuen Sachlichkeit, wie Christian Schads "Porträt des Schriftstellers Ludwig Bäumer" von 1927, sowie ein lebensnahes "Bildnis eines alten Mannes" von Hans Memling aus dem 15. Jahrhundert.

Konstruktion von Wirklichkeit

Hummel jedoch, der auch Autor mehrerer Lehrbücher zu Perspektive oder Konstruktion von Schatten war, ging es nicht darum, die Natur nachzuempfinden oder nachzuahmen. Er wollte sie konstruieren. Ob Porträts, Landschaften oder Genreszenen – zahlreiche Zeichnungen und Studien zu den ausgestellten Gemälden belegen, wie er mathematisch genau an optischen Phänomenen, an Perspektive, Licht und Schatten tüftelte. Insbesondere Spiegelungen – in Pfützen, glatten Oberflächen oder Fenstern - hatten es ihm angetan.

Die Granitschale im Lustgarten

Das illustriert nicht zuletzt ein Sujet, dem der Künstler mehrere Gemälde widmete: Die riesige Granitschale im Berliner Lustgarten war ein "gefundenes Fressen" für ihn. Hummel begleitete 1831 ihre Anfertigung und Aufstellung. In ihrer spiegelglatt polierten Oberfläche ließ er das staunende Publikum buchstäblich Kopf stehen.

Mit modernster Dampfmaschinentechnik war die Schale im Auftrag des Königs hergestellt worden – und auch diesen Prozess hielt Hummel fest, einmal mit und einmal ohne Figuren-Staffage.

Die Hingabe, mit der er die Maserung des Steins malte, auf dem Spiegelungen von Fenstern und Landschaft wie Abziehbilder zu kleben scheinen, spricht Bände: Ihm ging es um die Transformation von Materie durch Licht – überführt und zugespitzt in Zeichnung und Malerei, deren penible Präzision eher ungemütlich, denn biedermeierlich behaglich wirkt.

Johann Erdmann Hummel: Die Granitschale im Berliner Lustgarten, 1831, Öl auf Leinwand (Ausschnitt); © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
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Ein Maler, der irritiert

Immer da allerdings, wo Hummel nicht konstruierte, schleicht sich auch Ungelenkes in die Bilder. Das Personal etwa, mit dem er Ansichten wie die vom frisch angelegten Schlosspark in Kassel-Wilhelmshöhe "möbliert", erscheint so lebendig wie Playmobil-Figuren. Seine Detailversessenheit, die keinen Unterschied macht zwischen wichtig und unwichtig, ist illustrativ, äußerlich und fast kindlich-naiv – wäre da nicht die technische Perfektion in der Wiedergabe von Perspektiven, aber auch Stofflichkeiten.

Man möchte von Fotorealismus sprechen bei der Wiedergabe eines Schals oder Kleides, oder von "Schnappschuss", wenn er junge Frauen auf einer Schaukel malt - hätte es Fotografie damals schon gegeben. So ist Johann Erdmann Hummel ein Maler, der irritiert, weil er Wirklichkeit als fantastische Konstruktion ins Bild setzte: Ein wahrhaft moderner Ansatz.

Silke Hennig, rbbKultur