Anselm Kiefer: VORMEIN manchmal, freilich, stirbt der Himmel unseren Scherben voraus, 2021; Emulsion, Öl, Acryl, Schellack, Keramik, Draht, Kreide auf Leinwand, 280 x 570 cm; © Anselm Kiefer | Foto: Georges Poncet
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Galerie Bastian - Anselm Kiefer - "Le Dormeur du Val"

2019 erst schenkte die Galeristen-Familie Bastian ihr von David Chipperfield errichtetes Galeriegebäude gegenüber der Berliner Museumsinsel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die dort ein Zentrum für kulturelle Bildung einrichtete. Im gleichen Jahr eröffnete Sohn Aeneas Bastian eine Galerie in London und jetzt, mit einer Ausstellung von Anselm Kiefer, einen nagelneuen Standort in Berlin-Dahlem, erbaut vom britischen Star-Architekten John Pawson. Es ist in den Augen des Galeristen ein "klares Bekenntnis zu Berlin als wichtigem Kunststandort".

Ein grauer Quader auf einem Eckgrundstück, das an ein Parkgelände mit hohen Bäumen anschließt: John Pawsons Galeriegebäude wirkt hier mit seinen 12,5 x 20 Metern Grundfläche vergleichsweise bescheiden. Die Wände sind unterbrochen durch einzelne Glasflächen, die vom Boden bis zur Decke reichen.

Denkbar schlicht

Pawson gilt als DER Minimalist unter den Architekten. Er steht im Ruf, in seinen Häusern würde man verzweifelt nach Griffen suchen, um Türen oder Schränke zu öffnen, weil er am liebsten so viele Details wie möglich unsichtbar macht.

Die Schlichtheit seines Entwurfs für die Galerie Bastian wirkt jedoch nicht forciert. Das ebenerdige, gut fünfeinhalb Meter hohe Ausstellungsgeschoss (im nicht-öffentlichen Stockwerk darunter sind lediglich Lager-, Nutz- und Büroflächen) trumpft so wenig auf wie ein griechischer Tempel: Im Zentrum, wie eine "Cella", ein Ausstellungsraum mit großen Wandflächen, aber auch Ausblicken nach draußen. Davor, direkt angeschlossen, ein L-förmiger Vorraum und auf der anderen Seite, intimer, eine Art Studio für kleinere Werke oder auch Besprechungen.

Anselm Kiefer: Le dormeur du val, 2018-2019 Emulsion, Acryl, Öl auf Leinwand, 280 x 380 cm; © Anselm Kiefer | Foto: Georges Poncet
Bild: Anselm Kiefer | Foto: Georges Poncet

Kostbare Reduktion

Ganze vier Gemälde von Anselm Kiefer bilden die Eröffnungsausstellung – große Formate zwar, aber auch großzügig gehängt. Es sind Bilder, die zwischen 2018 und 2021 entstanden.

Typisch für den Maler, geht es in ihnen weniger um Farbwerte als um Farbe als Material: In schrundigen Batzen klebt sie auf der Leinwand, neben - auch das typisch Kiefer - realen Gegenständen wie einem Holzkreuz oder Keramikscherben.

Es sind Farblandschaften in jeder Beziehung, die selbst so massiv erscheinen wie riesige Fliesen. Auch ihr Motiv ist Landschaft: Ein blühendes Feld, ein Weg, der – auch das typisch Kiefer – zentralperspektivisch mitten hindurch führt durch einen dunkelbraunen Acker. Darüber gepinselt steht "La voie sacrée" – "Der heilige Weg": So heißt die einzige Straße, die während des Ersten Weltkriegs Verdun mit dem Hinterland verband.

Wie immer bei Kiefer, verweisen diese Bilder also auf einen sehr viel größeren geschichtlichen oder geistigen Raum.

Anselm Kiefer: La voie sacrée, 2020, Emulsion, Öl, Acryl, Shellac, Kreide, Kohle auf Leinwand 280 x 390 cm © Anselm Kiefer | Foto: Georges Poncet
Bild: Anselm Kiefer | Bild: Georges Poncet

Ein weiter Bogen

Aeneas Bastian betont, dass es ihm mit seiner Galerie darum geht, einen Ort zu schaffen, in dem wirklich eine geistige Befassung mit Kunst stattfindet. Auch kostenfreie Lesungen, Vorträge und Konzerte sind hier geplant.

Für eine kommerzielle Galerie werden kommerziellen Aspekte erstaunlich nebensächlich behandelt. Das Ausstellungsprogramm hat einerseits seinen Schwerpunkt da, wo ihn bereits Vater Heiner Bastian als langjähriger Berater und Kurator der Sammlung Marx gelegt hat – wie auch im Hamburger Bahnhof zu sehen: amerikanische Nachkriegsmoderne mit Warhol, Rauschenberg, Twombly, aber auch Joseph Beuys. Dazu kommen einige zeitgenössische Positionen. Vor allem aber: Aeneas Bastian will den zeitlichen Bogen noch weiter in die Vergangenheit schlagen, bis hin zum Impressionismus, der in Berlin in Galerien und Kunsthandel sonst nicht vorkomme, wie er sagt.

Weg vom "Shabby Chic"-Mythos Berlins

So erweitert das Programm der Galerie einerseits das, was den Kunststandort Berlin bislang ausmacht: Zeitgenössisches. Andererseits ist der neue Standort schon für sich genommen ein Statement. In unmittelbarer Nähe des Brücke Museums, des Kunsthaus Dahlem und schräg gegenüber der privaten Medienkunstsammlung "Fluentum" an der Clayallee, bedeutet die Ansiedelung der Galerie Bastian eine Abkehr von der "Mitte-" und Vergangenheitsseeligkeit, die die Kunstwelt in Berlin so lange gepflegt hat.

Dass Berlin kein einfaches Pflaster für kommerzielle Galerien ist, weiß Aeneas Bastian – und setzt auf ein Programm, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart ebenso begegnen wie Drinnen und Draußen in der Galerie, die John Pawson dafür gebaut hat.

Silke Hennig, rbbKultur