Zanele Muholi, Bona, Charlottesville, 2015 © Zanele Muholi, Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York
Zanele Muholi, Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York
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Gropius Bau - Zanele Muholi

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Das Leben, Lieben und Leiden von schwarzen Menschen in Südafrika, die nicht binär, sondern lesbisch, schwul, queer, bi-, trans- oder intersexuell sind, steht im Zentrum der Arbeit von Zanele Muholi. Vielfach ausgezeichnet, waren Muholis Fotografien bereits auf der documenta in Kassel und der Venedig-Biennale zu sehen. Jetzt bietet der Gropius Bau in Berlin erstmals in Deutschland einen umfangreichen Überblick über das Werk in einer Ausstellung, die einfach "Zanele Muholi" heißt.

Subversiv

Unübersehbar waren die riesigen Schwarzweiß-Porträtfotografien, die bei der letzten Biennale in Venedig überall in den weitläufigen Hallen des Arsenale auftauchten: Schwarze, exotisch "dekorierte" Frauen blickten mit großen Augen auf das Publikum. Zanele Muholi selbst hat sich hier inszeniert. Nun füllt diese Serie - mit kleineren Formaten und en bloc gehängt – einen Ausstellungssaal im Gropius Bau: Was zunächst wie die Zuspitzung von Klischees wirkt – durch die extrem kontrastreiche Fotografie erscheint "die" Afrikanerin extra schwarz und ihr mal Hauben- mal Palmen-artiger Kopfputz "folkloristisch" – entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung als subversiv und politisch: Etwa wenn der Kopfschmuck ein Arrangement aus Wäscheklammern ist und damit auf die Hausarbeit verweist, die viele schwarze Frauen in Südafrika in weißen Familien leisten, um ihre eigene damit zu ernähren. Hinter der Exotik und Schönheit der Fotografien tun sich so Abgründe auf – Rassismus, Diskriminierung, Gewalt.

Politischer Aktivismus

Zanele Muholi sieht sich selbst als nicht-binär, als weder ausschließlich weiblich noch männlich. Südafrika hat zwar in seiner Verfassung als erstes Land weltweit die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung verboten, doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Gewalt - bis hin zu Mord und sogenannten "korrektiven Vergewaltigungen" insbesondere schwarzer lesbischer Frauen – sind erschreckend verbreitet. Angehörige der Schwarzen LGBTQIA+-Community sind entweder gar nicht "sichtbar" oder als Opfer. Sie so zu zeigen, wie sie selbst auch gesehen werden möchten, darum geht es Zanele Muholi. Von daher sieht man zwar in dieser Ausstellung rund 200 Schwarz-Weiß-Fotografien, aber diese Fotos und ihre Ästhetik stehen in einem größeren Zusammenhang: Der politischen "Mission", eine von Ausgrenzung und Gewalt betroffene gesellschaftliche Gruppe buchstäblich ins Bild zu rücken.

Gropius Bau: Zanele Muholi

"So bin ich"

Als Akt der Selbstbehauptung ist so beispielsweise auch die Serie "Faces and Phases" ("Gesichter und Phasen") zu sehen: Die in Form und Format standardisierten Porträts zeigen Menschen, deren Blick unverwandt auf uns gerichtet ist - manchmal ist er offen, manchmal kokett oder auch misstrauisch. Aber immer handelt es sich dabei um ein Bekenntnis: So bin ich. Einzelne hat Muholi im Laufe der Zeit wiederholt fotografiert und man sieht, wie der Habitus einer Person immer männlicher oder immer weiblicher wird. In der Summe aber ergibt das ein kontinuierlich wachsendes visuelles Archiv einer doppelt marginalisierten Gruppe in Südafrika: Schwarze, die nicht der Geschlechter-Norm entsprechen. Und so geht es bei Zanele Muholis fotografischen Serien immer auch um die Gesellschaft hinter dem Individuum. In einem der Interview-Filme, die die Ausstellung flankieren, sagt eine junge Frau, daß Homophobie in Südafrika der neue Rassismus sei. In Muholis Arbeiten wird nachvollziehbar nicht nur daß, sondern auch warum diese Fotografien untrennbar mit politischem Aktivismus verbunden sind.

Silke Hennig, rbbKultur