Konstantin Grcic: New Normals, 2021; Foto: Florian Böhm
Florian Böhm
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Haus am Waldsee - Konstantin Grcic: "New Normals"

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Seit Jahren schon zeigt das Haus am Waldsee nicht nur renommierte Künstlerinnen und Künstler mit Berlin-Bezug, sondern regelmäßig auch herausragende Positionen aus Architektur und Design. Mit Konstantin Grcic, der vor wenigen Jahren aus München zugezogen ist, präsentiert es nun einen der bedeutendsten Industriedesigner der Gegenwart, der in seinen Entwürfen immer versucht, die Zukunft mitzudenken.

Ein ausladender Plastiksessel, aus dessen rechter Armlehne ein gelber Löschwasserschlauch hängt. Ein Bürostuhl, mit bunten Gymnastikbändern an Baustützen gebunden, die die Decke des großen Gartensalons im Haus am Waldsee abzusichern scheinen, und in jedem Raum eine feuerwehrrote Wandhalterung mit der trichterförmigen Allzweckleuchte "Mayday", die Konstantin Grcic 1999 bekannt machte.

Möbel als Möglichkeitsform

Es sind solche Ensembles – Kombinationen aus Entwürfen des Designers mit alltäglichen Gegenständen wie Schlösser, Spiegel, Kabel oder Antennen – die das Haus am Waldsee in eine Art poppig-surrealen Spielplatz verwandeln. Die Lesart bleibt den Betrachtern vorbehalten: Wird der Bürostuhl, der beim Möbelhändler "Allstar" heißt, hier zum Sportgerät? Oder könnte man durch wildes Hin- und Herschleudern damit die Stützen umreißen, die Decke zum Einsturz bringen? Aus einem realen Möbel eine Möglichkeitsform machen, eine Erzählung – das ist das Prinzip dieser Ausstellung.

Bloß keine Einrichtung

Es ging Konstantin Grcic darum, auf alle Fälle das Naheliegende zu vermeiden – nämlich den Eindruck, er habe die ehemalige Villa am Waldsee "möbliert". Die bloße Präsentation seiner Entwürfe von Stühlen, Sofas, Hockern usw. hätte leicht nach "Einrichtungshaus" aussehen können. Die Verfremdung, die er ihnen durch Addition weiterer Gegenstände angedeihen lässt, führt dazu, dass man diese "New Normals" tatsächlich nicht mehr als Einrichtung, sondern als Objekte oder Szenarien wahrnimmt. Es ist ein "Karneval der Möbel", in dem ein cooler Lounge-Chair beispielsweise auf einer rechteckigen Platte steht und mit einer Auto-Windschutzscheibe vor der "Nase" den Sportwagen mimt.

Konstantin Grcic: "New Normals", 2021 © Florian Böhm
Konstantin Grcic: "New Normals", 2021 | Bild: Florian Böhm

Spuren von Zukunft

In seiner Entwurfspraxis, sagt Grcic, sei für so viel Spielerei kein Raum. Hersteller drängen auf Verkäuflichkeit, die Kundschaft auf Tauglichkeit. Dennoch könnten sich in diesen absurden Ensembles der "New Normals" Spuren von Zukunft verbergen. Schließlich wäre vieles, was uns heute normal erscheint – ein Smartphone, ein Touchscreen oder ein Rauchmelder – vor wenigen Jahren eben genau das gewesen: Absurd - eine schwarze, glatte Tafel auf dem Tisch oder ein blinkendes Döschen an der Decke. Es sind "ganz kleine Eingriffe", sagt Grcic, in denen sich die Zukunft manifestiert. Einzelne neue Triebe, die sich hier und da durch das Dickicht der Gegenwart bohren.

Wie sich Zukunft zeigt und entfaltet - dieser tiefere Gedanke der Ausstellung, der durch die neuartigen Kombinationen bekannter Gegenstände illustriert wird, ist freilich ein Abstraktum, das sich nicht jedem Besucher enthüllen dürfte. Für alle aber hält sie einen unterhaltsamen, spielerischen Parcours bereit.

Silke Hennig, rbbKultur

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