Plakat der Occupy-Bewegung mit Porträt von Karl Marx © Azlan McLennan, Melbourne/Australien
Azlan McLennan, Melbourne/Australien
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Deutsches Historisches Museum - "Karl Marx und der Kapitalismus"

"Karl Marx und der Kapitalismus" lautet der Titel der neuen Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Den Anlass bietet kein runder Jahrestag. Es sind eher die Fragen, die in der Luft liegen. Zum Beispiel: Verträgt sich unser Wirtschaftssystem, das in Nachfolge von Karl Marx als Kapitalismus beschrieben wird, mit der Forderung nach Schrumpfung, um das Weltklima zu retten, wenn die Triebfeder das dauerhafte Wachstum ist? Karl Marx nannte dies den "Zwang zur Akkumulation".

Diese Ausstellung überrascht dabei in mehrfacher Hinsicht. Mit den vielen blauen Bänden der Marx-Engels-Gesamtausgabe sowie dem Gebirge an Marx-Exegese im Kopf bereitet man sich mental auf einen anstrengenden Marathonlauf durch die Ausstellung vor. Doch das DHM zeigt stattdessen eine kleine und schlanke Kabinettausstellung.

Historische Fotografie von Karl Marx © International Institute of Social History, Amsterdam
Bild: International Institute of Social History, Amsterdam

Überraschend

Schlank auch in der visuellen Anmutung, denn nichts von der oftmals erschlagenden Ästhetik der kommunistischen Propaganda findet sich in der Ausstellung. Der Grund liegt darin, dass sich die Ausstellung ganz allein auf die Epoche beschränkt, in der Marx von 1818 bis 1883 lebte. Der Akzent liegt dabei auf der Epoche und nicht der Biografie von Marx. Zwar bestätigen 40 % der Befragten in einer aktuellen und vom DHM beauftragten Umfrage, dass sie Marx für relevant für aktuelle Kritik am Kapitalismus halten, aber das Nachleben seiner Theorien im Marxismus oder auch die Frage, wie gegenwärtig und lebendig er heute noch ist, behandelt die Ausstellung nicht.

Ganz bewusst, so Raphael Gross, Direktor des Deutschen Historischen Museums:

"Das ist keine Ausstellung über die Ideen und Gedanken, es ist wirklich eine Ausstellung über Marx im 19. Jahrhundert. Es ist eine Ausstellung, die sich darauf konzentriert, uns zurückzuführen. Darum zeigen wir in der Ausstellung das Bild von seinem schlichten Grab, so wie es aussah, als Marx 1883 starb und nur elf Menschen bei seiner Beerdigung waren. Wir wollen dadurch wegkommen von dem Bild des dreieinhalb Meter großen und monumentalen Denkmals, Marx mit Rauschebart, wie es die kommunistische Partei Großbritanniens mit finanzieller Unterstützung der Sowjetunion in den 50iger Jahren auf dem Highgate-Friedhof in London kreiert hat, dass aber wahrscheinlich unser aller Bild von ihm prägt."

Dadurch werden neue Seiten von Marx freigelegt. Marx ist keineswegs nur der Theoretiker, der im großen Lesesaal der British Library in London über seinen Manuskripten brütet, sondern er ist auch der aktive Organisator, der über acht Jahre lang in London jeden Dienstagabend im Generalrat der internationalen Arbeiterassoziation über die Strategien der Arbeitskämpfe diskutierte. In einer Vitrine liegt das Anwesenheitsbuchaufgeschlagen und man sieht: Marx fehlte in dem gezeigten Zeitraum nur einmal.

Marx selbst nahm in den Fragen der Arbeiterorganisation eine ganz andere Position ein als später die Marxisten, erläutert Raphael Gross.

Historische Fotografie: Porträt von Karl Marx in Hannover, Fotografie: Friedrich Wunder Hannover, 1867 © International Institute of Social History, Amsterdam
Bild: International Institute of Social History, Amsterdam

Ein Mann seiner Zeit

"Wir zeigen hier ein Interview, das mit ihm geführt worden ist zu seinen Lebzeiten, wo vier Anhänger von Ferdinand Lasalle mit ihm über Parteien und Gewerkschaften diskutieren. Und er ist da ganz explizit, dass er sagt, eine Partei sei ihm nicht so wichtig, das Wichtige seien im Prinzip die Gewerkschaften. Dieser Text wurde nicht zufällig in der DDR nie publiziert."

Sehr schön ist auch eine Art Mensch ärgere Dich nicht-Brettspiel aus dem Besitz der Familie Marx mit dem Titel "Strikes", Streik. Darauf zu sehen sind Bildmotive aus der Arbeiterbewegung. Leider gingen die Spielregeln verloren. Gezeigt wird auch eine roten Fahne von etwa 1868 mit dem Motto der Arbeiterassoziation in Basel: "Keine Pflichten ohne Rechte, keine Rechte ohne Pflichten." Interessant ist dabei das gewählte Symbol: eine Pyramide mit Strahlenkranz, was viel eher an eine Freimaurer-Loge als an einen Arbeiterverein denken lässt.

Dies und andere Zeugnisse zeigen auch, dass diese Arbeiterbildungsvereine sich stark von dem abgrenzten, was Marx das Lumpenproletariat nannte. Und damit kommt man zu einem problematischen Zug an Marx, der als Mann des 19. Jahrhundert auch in den Ressentiments seiner Zeit gefangen ist. Dies auch zu zeigen, ist Raphael Gross sehr wichtig:

"Es gibt zahlreiche antisemitische Passagen bei Marx, es gibt virulent antisemitische Texte, die er als Herausgeber abgezeichnet und publiziert hat. Es gibt auch eine Kündigung eines Abos der von Marx herausgegeben Neuen Rheinischen Zeitung, von jemand, der sagt: Diese Form von Antisemitismus hat doch in einer demokratischen Zeitung nichts zu schaffen. Und Marx scheint das nicht gestört zu haben."

Marx scheut sich auch nicht davor, politische Gegner und Konkurrenten wie Ferdinand Lassalle nicht nur mit antisemitischen, sondern zusätzlich rassistischen Schmähungen zu beleidigen. Die Crux ist dabei: Marx war wie Lassalle Jude. Ein Jude als Antisemit?

Erinnerungstuch mit Porträt von Karl Marx anlässlich seines 150. Geburtstags 1968 © Deutsches Historisches Museum/Ahlers
Bild: Deutsches Historisches Museum/Ahlers

Fetisch & Mehrwert

Aber wie steht es mit der Marxschen Theorie, den Begriffen, die er gebildet hat und die bis heute die politischen Diskussionen prägen, wobei Marx gerade den Begriff Kapitalismus so gut wie nie selbst gebrauchte, denn der Begriff entwickelte sich erst auch Dank seiner Analysen. Der Ausstellung kommt bei der Begriffsarbeit entgegen, dass Marx gern sehr bildhaft formulierte, wie Sabine Kritter, die Kuratorin der Ausstellung, erklärt:

"Er spricht vom Fetisch, er spricht davon, Hegel auf den Kopf zu stellen, von Schleiern, im "Kapital" schreibt über 100 Mal: es erscheint etwas. Hier war die erste Überlegung, wie setzen wir das in der Ausstellung um?“

Ihr erster Ansatz. Es werden alle Sinne bedient. Man sieht nicht nur die nachgebauten Maschinen, die die Automatisierung beschleunigten, was Marx einerseits als Fortschritt, andererseits aber auch Verschärfung der Ausbeutung sah, man hört sich auch. Allerdings wird es in einer Fabrik zu Marx Zeiten sehr viel lauter gewesen sein. Man kann sogar riechen: den Geruch von Kohle, Schweiß und Maschinenöl in einer Duftinstallation. Den metallischen Geruch nimmt man dabei deutlich wahr, den Rest muss man aber derzeit unter der Maske mehr ahnen als wirklich riechen. Ja sogar Geld sei zu riechen, so Sabine Kritter.

Dampfmaschine, Typ Bockmaschine © Deutsches Historisches Museum/Desnica
Bild: Deutsches Historisches Museum/Desnica

Geld stinkt nicht

Und dabei heißt es doch: Geld stinkt nicht. Geld und Schweiß, dabei ist man bei dem wichtigen Marxschen Begriff vom Mehrwert, der erklärt, wie werden aus zehn Euro zwölf, bzw. wie erwächst aus der geleisteten Arbeit der Mehrwert, den der Unternehmer, bzw. der Kapitalist zur Vermehrung seines Kapitals einstreicht. Dies veranschaulicht eine simple Installation in der Austellung, bei der man einen Pumpenschwengel kräftig auf und ab drücken muss. Man kann so kräftig pumpen, wie man will, in den Becher mit der Aufschrift "Lohn" tröpfelt es nur aus dem Wasserhahn, während sich das große Gefäß mit der Aufschrift "Kapital" rasch füllt. Das ist seht schön anschaulich und entspricht der praktischen und alltäglichen Erfahrung von vielen.

Aber hat man den Mechanismus dadurch verstanden? Kaum, denn so wie dieser dem Betrachter verborgen bleibt, bleibt auch der Begriff "Mehrwert" unklar. Ähnlich simpel und dadurch eben falsch funktioniert eine Installation zur Veranschaulichung der Steigerung der Produktivität.

In der Beschreibung seiner ökonomischen Theorie bleibt die Ausstellung doch reichlich unterkomplex. Sie bebildert nur einige wenige Begriffe aus seiner ökonomischen Theorie, erklärt sie aber nicht wirklich. Schon gar nicht werden seine Begriffe durch gegensätzliche Positionen diskutiert. Dabei sei es doch das Ziel der Ausstellung, so die Kuratorin Sabine Kritter, das Werk von Marx in seiner Widersprüchlichkeit und auch Unfertigkeit zu zeigen. Selbst vollendet hat er schließlich nur den ersten von den drei Bänden seines berühmten Werkes "Das Kapital".

Das Kapital © International Institute of Social History, Amsterdam
Bild: International Institute of Social History, Amsterdam

Der blinde Fleck

In ihrer Beschränkung auf das 19. Jahrhundert bekommt die Ausstellung zusätzlich ungewollt etwas Niedliches, geradezu Puppenstubenhaftes. Denn fern und nur angedeutet bleiben das Elend und die Realität der Arbeitskämpfe. Der gesamte Aspekt seiner Beschreibung der Gesellschaft als Klassengesellschaft und der Geschichte als eine Geschichte von Klassenkämpfen, die direkt in das Heute führen würde, ist dabei der merkwürdig blinde Fleck dieser Ausstellung. Dabei wollte man doch gerade mit dem Kniff, Marx als Mann des 19. Jahrhunderts zu zeigen, ihn wieder für das Heute verfügbar zu machen, so der Wunsch von Raphael Gross:

"Das ist nicht das, was wir in der Ausstellung machen, das ist das, was wir erhoffen, dass die Besucher tun werden."

So erleben die Besucherinnen und Besucher in dieser Ausstellung einerseits teilweise eine Unterforderung, was Marx und seine Theorie betreffen, andererseits beim Weiterdenken ins Heute wird von ihm wiederum sehr viel verlangt, vielleicht sogar auch eine Überforderung.

Tomas Fitzel, rbbKultur

DHM | Karl Marx und der Kapitalismus

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Karl Marx und der Kapitalismus © rbbKultur
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Marx und der Kapitalismus

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