Dayanita Singh, Museum of Chance, 2013 © Dayanita Singh
Dayanita Singh
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Gropius Bau - Dayanita Singh: "Dancing with my Camera"

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Dayanita Singh wird in diesem Jahr noch an der documenta in Kassel teilnehmen und den Hasselblad-Award in Empfang nehmen. In der Begründung für diesen renommierten internationalen Fotografie-Preis hieß es, die indische Foto-Künstlerin habe in ihrer Arbeit "neue Wege der Auseinandersetzung mit Bildern geebnet", indem sie sie "auf innovative Weise in Büchern und Installationen" präsentiert. Genau das lässt sich jetzt im Gropius-Bau in Berlin in ihrer Ausstellung "Dancing with my Camera" überprüfen.

Geplant war diese Ausstellung als Retrospektive. In Vorbereitung darauf ist Dayanita Singh tief in ihr über vier Jahrzehnte gewachsenes Bild-Archiv eingetaucht – und stellte fest, dass ihr vieles, was sie dort fand, gänzlich unbekannt war.

Den Bildern zuhören

So kamen zu dieser Retrospektive auch zahlreiche neue Arbeiten hinzu, bzw. bereits bekannte Fotos in neuen Zusammenhängen. Denn wenn sie etwas gelernt habe, sagt die Künstlerin, dann den Bildern "zuzuhören". Es seien die Fotografien selbst, die eine bestimmte Nachbarschaft wünschten – und nach einer gewissen Zeit eine andere.

Runter von der Wand, rein in den Raum

Als Dayanita Singh vor fast 20 Jahren im Hamburger Bahnhof in Berlin ihre erste Einzelausstellung in einem Museum hatte (Titel: "Privacy"), hingen ihre Fotografien an der Wand. Doch mit dieser musealen Praxis, glaubt sie heute, werden Fotos zu "Fossilien". Folgerichtig machte sie die Präsentation ebenso sehr zum Teil ihrer künstlerischen Arbeit wie die "Repräsentation", also das, was die Aufnahmen zeigen: Innenräume und Menschen zumeist, viele davon aus ihrem privaten Umfeld, die sie zum Teil über Jahrzehnte begleitet hat.

Ihre in aller Regel schwarzweißen Fotografien präsentiert Singh seit Jahren schon mittels eigens gefertigter Möbel-artiger Strukturen: Paravents, Tische, Kabinette, gefertigt aus Teakholz, in denen ihre Bilder wie in großen Setzkästen neben- und übereinander angeordnet sind und jederzeit gegen andere ausgetauscht werden können und sollen.

Mobile Museen

Eingefügt in das Raster eines Schrank-großen "Möbels", dessen Seiten sich nach Belieben auf- und zuklappen lassen, präsentiert sie nun z.B. "Little Ladies": Fotografien von mehr oder weniger herausgeputzten Töchtern der indischen Mittel- und Oberschicht. Es geht Dayanita Singh darum, dass man Fotografie nicht nur mit den Augen, sondern körperlich wahrnimmt, ihre "mobilen Museen", wie sie die schlicht, aber edel – vielleicht etwas zu edel – wirkenden Präsentationsformen ihrer Fotografien nennt, umrundet, sich bücken oder strecken muss, um einzelne Bilder zu betrachten.

Kritik an musealer Praxis

Die Wandelbarkeit dieser Strukturen, eines "Museum des Zufalls", "Museum des Tanzes" oder "Museum des Weglassens", ist gleichzeitig Kritik und Antwort auf die übliche Art von Museen, Fotografien an der Wand "festzunageln". Dayanita Singh will, dass ihre Arbeiten veränderlich bleiben – ganz egal, ob es sich um Bilder ihrer langjährigen Freundin Mona Ahmed handelt, einer Angehörigen des "dritten Geschlechts", oder ihre neuen, geometrisch-abstrakten Architektur-Aufnahmen.

Fragen, die über Fotografie hinausweisen

Archiv, Museum, Buch – alle drei Begriffe sind zentral für Dayanita Singh. Sie stehen nicht nur für Formen der Bewahrung von Geschichte und Wissen, sondern meist auch für "Abschluss". Nicht so im Werk dieser Künstlerin, die u.a. Archive fotografiert hat, in denen Bündel von Dokumenten vom Boden hoch wuchern.

Muss Ordnung "ordentlich" sein? Was ihre Fotografien zeigen und wie sie präsentiert werden, greift im Werk dieser Künstlerin beständig ineinander und stellt damit vieles in Frage – zum Beispiel den Wert von Fotografie. Wiederholt finden sich in der Ausstellung etwa Faltbücher – als Ausstellungsobjekte in hochwertig gefertigten kleinen Wandvitrinen. Als "normales" Buch oder als Leporello-Box können sie gleichzeitig im Buchladen des Gropius-Baus erworben werden.

Ist das eine mehr, das andere weniger wert? Wovon hängt ihr Wert ab – vom Dargestellten? Von der Darstellungsform? Es sind solche Fragen, die Dayanita Singh mit ihrem vielschichtigen Werk aufwirft, Fragen, die eng mit Fotografie verbunden sind, aber weit darüberhinaus weisen.

Silke Hennig, rbbKultur