Candida Höfer, Bolshoi Teatr Moskwa © Candida Höfer / VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Candida Höfer / VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Bild: Candida Höfer / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Download (mp3, 7 MB)

Museum für Fotografie - Candida Höfer: "Bild und Raum"

Bewertung:

Aus der Klasse des Fotografenpaars Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie gingen etliche berühmte Fotografen hervor – und eine Fotografin: Candida Höfer. Die heute 78-Jährige machte sich vor allem einen Namen mit großformatigen Aufnahmen von Innenräumen. Im Museum für Fotografie ist ein Querschnitt ihres Schaffens jetzt im Dialog mit Bildern aus rund 150 Jahren aus der fotografischen Sammlung der Kunstbibliothek zu sehen. Einige Eindrücke in unserer Bildergalerie.

2006 fotografierte Candida Höfer die Klosterkirche im portugiesischen Batalha gerade so, wie ihre Erbauer es sich im 15.Jahrhundert wohl erträumt haben: Der Blick fliegt an den massiven Säulenreihen in die Höhe und dann in die Tiefe des Raums, an dessen Ende Licht durch die bunten Fenster im Chor strömt. Ein Raum, der überwältigt.

Gerade so wie der Schuhladen im amerikanischen Milwaukee, den ein unbekannter Fotograf 1910 festhielt, als blicke man in das Innere einer gigantischen Schachtel: In perfekter Symmetrie reihen sich an den Wänden Schuhkartons, während die Länge des Raums von zwei Reihen Sitzbänken geteilt wird – Rücken an Rücken. Beide Fotografien kennzeichnet eine zentrale Perspektive. Monumentalität vermittelt selbst das kleinformatige Schuhladen-Foto, während Candida Höfer der Dimension ihrer Motive – prächtigen Theatersälen, Bibliotheken oder Museen – seit vielen Jahren auch mit der Größe der Abzüge entgegenkommt.

Ordnung als Thema

Dabei stand am Anfang ihrer Laufbahn das Kleinbild - und der öffentliche Raum der Straße. Schon 1968 fotografierte Candida Höfer bei einem England-Besuch eine Serie über Liverpool. Zehn Jahre später folgte 'Türken in Deutschland' - Bilder, in denen sie den Wandel im Kölner Stadtbild festhielt: Deutsche neben türkischen Ladenschildern, schnauzbärtige Männer beim Schwatz auf der Straße oder Fleischerläden, in denen sich Würste und Konservendosen ebenso dekorativ präsentieren, wie die türkische Belegschaft.

Die Ordnung im Raum wurde Höfers Thema. Vom öffentlichen Außenraum wandte sie sich öffentlich zugänglichen Innenräumen zu – erst noch mit Publikum, etwa in der 'Kuranlage Bad Pyrmont', wo die Herrschaften mit Hut in Stuhlreihen vor dem Fernseher sitzen. Doch bald sprachen die Räume für sich, kündete die Anordnung des Mobiliars – mal nüchtern, mal verspielt – von der Rolle, die Menschen hier spielen sollen.

Raumerleben

Bei aller Nüchternheit – wie sehr Candida Höfers Aufnahmen den Charakter eines Raumes zuspitzen, wird deutlich im Vergleich etwa zwischen ihrer Sicht auf den rot-weißen Zuschauerraum des Moskauer Bolschoi Theaters, der einen regelrecht zu umfassen scheint, und Bildern vom Zuschauerraum der Berliner Staatsoper, dokumentiert im Auftrag der Königlich Preussischen Messbildanstalt um 1890 und 1930, die so gar nicht räumlich erscheinen.

Wie hier finden sich zahlreiche Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten zwischen Höfers Fotografien und den historischen oder zeitgenössischen Aufnahmen anderer Fotograf*innen. Doch die Ausstellung bietet mehr als diesen Dialog. Sie gibt Einblick in die fließenden Übergänge zwischen dokumentarischer und künstlerischer Fotografie, Reflexe auf geschichtlichen Wandel – etwa in der Ästhetik musealer Präsentation, die im 19.Jahrhundert noch ganz auf Überfülle setzte.

Silke Hennig, rbbKultur

Candida Höfer: Bild und Raum

Silke Hennig, rbbKultur