Leila Hekmat: "Female Remedy" © Andrea Handels
Andrea Handels
Leila Hekmat: "Female Remedy" im Haus am Waldsee | Bild: Andrea Handels Download (mp3, 6 MB)

Berlin Art Week | Haus am Waldsee - Leila Hekmat: "Female Remedy"

Bewertung:

Das Ausstellungshaus Haus am Waldsee umgewandelt zum Sanatorium für "geisteskranke" Frauen? Die amerikanische Künstlerin Leila Hekmat hat dort im Rahmen der Berlin Art Week ihr "Hospital Hekmat" eingerichtet und bricht darin eine Lanze für unangepasste Weiblichkeit. Eine theatrale Installation, die das ganze Haus umfasst.

Gleich zu Anfang ein visueller Knaller: zwischen wandfüllenden Silberglitzervorhängen drei leuchtend rote Bilder, ebenfalls auf Stoff: links dreimal dieselbe Frau im Passfoto, einmal mit einem Loch in der Stirn, in der Mitte ein halb ausgezogenes lesbisches Paar beim Knutschen, der einen kann man zwischen die Beine gucken, ganz rechts drei Andeutungen von Totenköpfen.

Da weiß man schon, diese Ausstellung wird bunt, schrill und explizit sexuell.

Leila Hekmat: "Female Remedy" im Haus am Waldsee © Andrea Handels
Leila Hekmat: "Female Remedy" im Haus am Waldsee | Bild: Andrea Handels

Optisches Vergnügen und feministische Botschaft

Es ist alles da: OP, Untersuchungsliegen, ein großer Schlafsaal. Über zwei Etagen verteilt, in jedem Raum eine Inszenierung. Schaufensterpuppen, die sogenannten "Krankensisters", tragen phantasievolle Kostüme, mit Anklängen an Fetischkleidung. Manche haben groteske Masken über dem Gesicht, dazu lange geflochtene Zöpfe. Ziemlich sexy bevölkern sie die Zimmer, beugen sich über Betten, tuscheln auf dem Boden sitzend miteinander.

Die Patientinnen liegen in den Betten und hängen an den Wänden, mit aufwändigem digitalem Verfahren auf Stoff gedruckt, immer mit kleiner Beschreibung dazu. Zum Beispiel Goldie: Im BH und Miederhöschen sagt sie "das Ziel des Lebens ist die totale Lust" oder Pepper "will nicht erwachsen werden" oder Lucy Goose "will den ganzen Tag schlafen und die ganze Nacht Party feiern". Frauen, die ein wenig exzentrisch sind oder nicht in Rollenklischees passen. Das ist ein optisches Vergnügen und eine feministische Botschaft.

Leila Hekmat: "Female Remedy" im Haus am Waldsee © Andrea Handels
Leila Hekmat: "Female Remedy" im Haus am Waldsee | Bild: Andrea Handels

Unangepasst

Leila Hekmat nutzt das Krankenhaus als Rahmen für eine Frauengemeinschaft, sagt sie. "Krankensisters" und Patientinnen, alle sind gleichermaßen unangepasst, anders als die Norm. Der Künstlerin geht es um Empowerment, den Mut zu wachsen, die Frauen zu ermutigen, sie selbst zu sein.

Für die neue Leiterin des Hauses Anna Gritz ist "Female Remedy" die erste Ausstellung unter ihrer Ägide. Sie ist schon lange ein Fan von Leila Hekmat und findet, dass dieses "Hospital Hekmat" besonders gut in ihr Haus passt, weil es eben kein White Cube, sondern eine Villa mit Geschichte ist, eine ehemalige Industriellenvilla.

Leila Hekmat kommt aus einer jüdisch-iranischen Familie, ist in Los Angeles aufgewachsen, dann nach New York gezogen. Seit 10 Jahren lebt sie in Berlin, war hier beim, von Calla Henkel und Max Pitegoff, in Neukölln gegründeten "New Theater" dabei. Sie kreiert Performances, Theaterstücke, Opern, Kostüme, Szenenbilder und Installationen wie jetzt im Haus am Waldsee – immer mit einer guten Portion skurrilem Humor.

Leila Hekmat: "Female Remedy" im Haus am Waldsee © Andrea Handels
Leila Hekmat: "Female Remedy" im Haus am Waldsee | Bild: Andrea Handels

Ein schräges, aufmüpfiges und sehr sehenswertes Gesamtkunstwerk

Gerade Frauen wurde ja in der Vergangenheit viel mehr als Männern das Recht abgesprochen, exzentrisch zu sein. Zu Freuds Zeiten wurden sie gleich als hysterisch abgestempelt. Daran erinnert Leila Hekmat humorvoll mit einem Masturbationsraum: Ein roter Hocker hinter einer roten Wand. Nebenan eine genauso rote Skulptur mit sechs im Kreis stehenden Toilettenbecken. Alle Wände bedeckt von bedruckten Vorhängen. Dazu kommen noch Soundinstallationen und Musik. Denn zu "Female Remedy" hat ein Team um Leila Hekmat ein Musical geschrieben, fünf der "Krankensisters" spielen mit. Aufgeführt wird es an diesem Wochenende.

Die Erzählungen und Songs, die aus den verteilten Lautsprechern tönen, erzählen Lebens- und Leidensgeschichten der von Leila Hekmat erfundenen Charaktere und machen das "Hospital Hekmat" erst recht zu einem schrägen, aufmüpfigen und sehr sehenswerten Gesamtkunstwerk.

Andrea Handels, rbbKultur

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