André Masson, Massacre, 1931 © Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Schenkung Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch an das Land Berlin 2010 / Foto: Jochen Littkemann© VG Bild Kunst, Bonn 2023
Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Schenkung Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch an das Land Berlin 2010 / Foto: Jochen Littkemann; © VG Bild Kunst, Bonn 2023
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Sammlung Scharf-Gerstenberg - "Mythos und Massaker"

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Der Eine gilt als Aushängeschild der abstrakten Moderne in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg, der andere als wichtiger Wegbereiter des Abstrakten Expressionismus: Der in Berlin geborene Maler Ernst Wilhelm Nay und sein französischer Kollege André Masson nahmen beide an den ersten documenta-Ausstellungen in Kassel teil – 1955, 1959 und 1964 – sind sich aber wohl nie persönlich begegnet. Dass ihre Werke dennoch große Parallelen aufweisen, war der Ausgangspunkt für diese Ausstellung, die die beiden erstmals einander gegenüberstellt.

Ähnliche Entwicklungen

Das Gemälde "Massacre" von André Masson hatte einen prominenten Platz im Haus des Berliner Sammler-Ehepaars Heiner und Ulla Pietzsch. Es gehört zur umfangreichen Schenkung der beiden an die Neue Nationalgalerie und steht im Zentrum dieser Ausstellung: Ein großes, leuchtend orange-gelb-grünes Bild aus dem Jahr 1931, in dem der Maler Figuren in Farbflächen zergliederte und damit auch zweifellos seine Erfahrung des Ersten Weltkriegs verarbeitete. Auch der in Berlin geborene Ernst Wilhelm Nay begann in den 1930er Jahren Figuren und Landschaften aufzulösen und zunächst in eine aufgeregt expressive Bildsprache zu überführen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in ein lyrisches "Overall" schwingender bunter Formen mündete.

Doch wie bei Masson blieb auch bei ihm die Figur – bei aller Abstraktion – immer Bezugspunkt. Beide Künstler hatten sich zuvor mit dem Surrealismus auseinandergesetzt. Masson gehörte der Pariser Gruppe der Surrealisten selbst an. Von Nays surrealistischen Stillleben-Versuchen, die er bei einem Stipendien-Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom Anfang der 30er Jahre unternahm, sind Beispiele in der Ausstellung zu sehen.

Verschiedene Erfahrungen

Neben diesen Parallelen in der Farb- und Formensprache, die Nays und Massons Arbeiten in den 30er, 40er Jahren aufweisen, bemüht die Ausstellung auch ausgiebig beider Biographien. Masson ist sechs Jahre älter, geboren 1896, war damit aber gerade alt genug, um als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg zu ziehen, wo er schwer verwundet und traumatisiert wurde. Nay dagegen, noch ein Kind als der Erste Weltkrieg begann, meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst im Zweiten.

Der Grund dafür war allerdings weniger, weil er - wie Masson - auf eine existentielle Erfahrung erpicht war. Seine Kunst war im Nationalsozialismus verfemt. Unter der Hand konnte Nay noch an treue Sammler verkaufen, aber es war eine schwierige Zeit für ihn. Im Krieg dagegen ging es ihm erstaunlich gut. Er blieb unversehrt und in Frankreich, wo er als Kartenzeichner eingesetzt war, hatte er sogar die Möglichkeit künstlerisch zu arbeiten und bekam dafür auch Anerkennung.

Ernst Wilhelm Nay, Der Besuch, 1945; Foto: Ernst Wilhelm Nay Stiftung, Köln © VG Bild Kunst, Bonn 2023
Bild: Ernst Wilhelm Nay Stiftung, Köln © VG Bild Kunst, Bonn 2023

Mythologisch verbrämte Verdrängung

Entsprechend verhandeln beide in ihren formal verwandten Bildern sehr unterschiedliche Inhalte. Bei Nay gibt es ein Abheben ins Mythologische, Überzeitliche, während Masson seine traumatischen Erfahrungen unter dem Titel "Massacre" in einer ganzen Folge von Werken umkreiste. Sein gleichnamiges Ölgemälde im Zentrum der Ausstellung wirkt aus der Entfernung völlig abstrakt, doch die säbelförmigen, spitz zulaufenden Farbflächen erweisen sich aus der Nähe als Arme, als Teile männlicher und weiblicher Körper: Kniende, Sitzende, Stehende, deren Konturen durch die Farbflächen überlagert und zergliedert, deren Einheit damit regelrecht "massakriert" wird. Im Vergleich zu den Zeichnungen, die Masson zum gleichen Thema geschaffen hat und die wiederum sehr viel eindeutiger figürlich sind, lässt sich an diesem Gemälde eindrucksvoll ablesen, welche Sprengkraft er der Farbe verliehen hat.

Die gegenüber gehängten kleinformatigen Gouachen, die Ernst Wilhelm Nay während des Kriegs in Frankreich gemalt hat, zeigen dagegen keinerlei Spur von Kampf oder Gewalt, sondern Liebespaare und erotische Frauendarstellungen. Konsequent setzt er das nach dem Krieg fort, indem er die mythologische "Liebesinsel" Kythera malt. In diesem Rückgriff auf mythologische Motive bei Nay kann man durchaus eine Verdrängung sehen: Überzeitliche Themen, statt Auseinandersetzung mit der NS-Zeit, die Masson mit seiner jüdischen Ehefrau zur Flucht in die USA trieb. Dort wurde er zu einem Zündfunken für den Abstrakten Expressionismus.

Viel Nay, wenig Masson

So sehr die Ausstellung mit ihrer These von den formalen Parallelen und inhaltlichen Unterschieden zwischen Nay und Masson punktuell überzeugt und allemal eine interessante, weil andere Perspektive eröffnet - geschwächt wird sie dadurch, dass von Masson nur (stichprobenartig) ein Dutzend Werke zu sehen sind, während der größte Teil der rund 70 Exponate von Nay stammt und einen konzentrierten Einblick in die Entwicklung seiner Malerei bis zu den 50er Jahren erlaubt. Wenn eine Schau so auf zwei Künstler zugespitzt ist, erscheint diese Unwucht wenig glücklich. In der direkten Anschauung der Kunstwerke allerdings, ergeben sich dennoch frappierende Einsichten. Wird Massons "Massacre" beispielsweise mit jedem Schritt Abstand immer abstrakter, verhält es sich bei Nay umgekehrt: Oftmals fügt sich die Farbmasse erst aus dem Abstand heraus zu einzelnen Figuren. Solche Erfahrungen lassen sich nicht anhand von Abbildungen, sondern nur in einer Ausstellung vor den Originalen machen.

Silke Hennig, rbbKultur