Das Haus des Rundfunks, 1929-31 von Hans Poelzig erschaffen, ist das erste ausschließlich Rundfunkzwecken dienende Gebaeude in Europa. Quelle: imago stock&people
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Ein alles entscheidender Ort - Der 20. Juli 1944 im Haus des Rundfunks

Der Tag des missglückten Attentats auf Hitler zählt zu den schwärzesten in der Geschichte des HdR. Obwohl die Gruppe um Oberst von Stauffenberg die Bedeutung des Radios erkennt, ist die propagandistische Seite des Umsturzes nur amateurhaft vorbereitet. Das Haus des Rundfunks wird zu einem der alles entscheidenden Orte … Rekonstruktion eines verhängnisvollen Tages.

Der Auftakt: 12.42 Uhr, Hitlers Hauptquartier "Wolfsschanze"

Die Bombe explodiert. Bei einer Lagebesprechung in einer Baracke zündet eine kurz zuvor von Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg aktivierte Sprengladung. 4 von 24 Anwesenden sterben, fast alle anderen sind unterschiedlich schwer verletzt – anders als geplant, überlebt Adolf Hitler mit nur leichten Verletzungen.

 

Der Anschlag ist Anlass für die Verschwörer, den "Walküre"-Befehl auszugeben. Mit dieser ursprünglich zur Unterdrückung von Aufständen erdachten Operation wollen sie die Regierungsgewalt in Berlin und anderen wichtigen Städten an sich ziehen.

14.00 Uhr, Oberkommando des Heeres, Bendlerblock

Bei der militärischen Planung von "Walküre" hat das Haus des Rundfunks einen herausgehobenen Platz: In der dritten Stufe ist die Besetzung des Hauses sowie des Senders Tegel und des Funkturms durch Einheiten des Wehrkreis-Kommandos III ausdrücklich vorgesehen. Deshalb alarmiert Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim gegen 14.00 Uhr – zwei Stunden vor der offiziellen "Walküre"-Auslösung – telefonisch die Infanterie-Schule Döberitz westlich von Spandau. Ihre Einheiten sollen das Haus des Rundfunks besetzen.

16.00 Uhr, Infanterie-Schule Döberitz, westlich von Berlin

Major Jakob macht sich mit einer 400 Mann starken Kampfgruppe des Lehrregiments auf den Weg nach Charlottenburg. Sein Auftrag:

1.    Das Funkhaus besetzen
2.    Vollzugsmeldung per Telefon an eine angegebene Telefonnummer
3.    Alle Sendungen im Funkhaus einstellen lassen
4.    Verbindung aufnehmen mit einem im Haus befindlichen Nachrichtenoffizier des Oberkommandos des Heeres

Lediglich der erste Punkt ist Bestandteil der militärischen Walküre-Operation. Die drei weiteren sind von den Verschwörern hinzugefügt worden. Mit dem Telefonat soll das zukünftige Staatsoberhaupt General Ludwig Beck im Bendlerblock über die Besetzung informiert werden, damit eine von ihm entworfene Erklärung mit Hilfe des Nachrichtenoffiziers im Äther verlesen werden kann.

Zwischen 16.00 und 17.00 Uhr, Heerstraße

Mehr als drei Kilometer lang ist die Richtung HdR fahrende Kolonne: drei Schützenkompanien sowie eine schwere Kompanie mit mittleren Granatwerfern und schweren Maschinengewehren. An der Spitze vier Motorräder, gefolgt von Major Jakob in einem offenen Auto.

Gegen 16.30 Uhr, Wohnung von Oskar Haaf, Kaiserdamm 26

HdR-Hausherr Reichsintendant Heinrich Glasmeier und sein Referent Oskar Haaf haben am frühen Nachmittag bei einem Aufenthalt in Tiergarten Panzer in Richtung Regierungsviertel fahren sehen. Aus Haafs Privatwohnung rufen sie direkt im Büro von Propagandaminister Joseph Goebbels an. Der genaue Inhalt des Gesprächs lässt sich nicht rekonstruieren, doch sicher ist: Glasmeier weiß ab sofort, dass es eine besondere Lage in Berlin und im Reich gibt – und er steht von nun an im ständigen Kontakt mit dem Propagandaministerium. Goebbels Auftrag: Rückkehr ins Haus des Rundfunks.

17.00 Uhr, Haus des Rundfunks, Haupteingang

Major Jakob betritt mit seiner Kampfgruppe das Funkhaus, die SS-Wacheinheit wird ohne Zwischenfall abgelöst. Die Sicherung des Gebäudes nach außen beginnt. Maschinengewehre und andere Infanteriewaffen werden an den Fenstern der Erdgeschossbüros an der Masurenallee in Stellung gebracht. In der folgenden Stunde besetzt das Militär Stockwerk für Stockwerk das ganze Haus des Rundfunks. In den Innenhöfen stehen jetzt Granatwerfer, auf dem Dach ist eine Beobachtungs- und Feuerleitstelle eingerichtet. Der Chefsprecher des Europa-Senders Rudolf-Günter Wagner erinnert sich: "Die Kompanie grub sich in den Höfen des Funkhauses ein, baute Maschinengewehrnester aus und schien absolut Herr der Lage zu sein." Punkt eins des Auftrags von Major Jakob ist damit abgehakt – dabei verfügt keiner der Militärs über einen Grundriss oder Gebäudekenntnisse …

17.15 Uhr, Haus des Rundfunks

Auftragspunkt Nummer zwei jedoch – die Meldung der Besetzung – misslingt: Mehrfach versucht der Major, telefonisch Kontakt aufzunehmen. Doch es geht einfach niemand ans Telefon. Damit gelangt die Nachricht von der HdR-Besetzung nicht zu den Verschwörern in den Bendlerblock – und das bleibt so für den Rest des Abends.

Hier beginnt das Gelingen der gesamten Verschwörung ins Wanken zu geraten, denn die Gefolgsleute der Verschwörer warten in ganz Europa auf die Radionachricht vom Tod Hitlers …

Nachmittags, Haus des Rundfunks

Die mangelnden Gebäudekenntnisse der Militärs werden ergänzt durch fehlendes Rundfunkwissen. Symptomatisch für diesen Zustand ist die Schilderung von Hans Kasper, der als Kulturredakteur in der Nachrichtenabteilung für den Auslands-Rundfunk beschäftigt ist:

"Nicht viel später [...] wurde das Rundfunkhaus besetzt. Das heißt, statt der SS-Wache standen plötzlich Wehrmachtsangehörige im großen Entree des Hauses und nach einer Weile gingen sogar prächtig armierte Soldaten durch die langen Gänge.

Aber sie gingen und gingen und hielten nicht an. Zum Beispiel kamen sie nicht zu uns herein, die wir aus dem Propagandaministerium telefonische Anweisungen erhielten, als wäre der 20. Juli ein Tag wie jeder andere.


[...] Meine einzige Reaktion auf den 20. Juli war ein geringfügiger Umweg. Als ich am späten Nachmittag das Haus verlassen wollte, weil mein Dienst zu Ende war, ließ man mich nicht vorn aus dem Portal.


Ich kannte mein Rundfunkhaus, ging auf die nächste Toilette und sprang aus dem Fenster nach hinten heraus. Da stand weder ein Soldat, noch war sonst ein Hindernis, den politischen Zeitläufen zu entgehen."

17.30 Uhr, Intendantenbüro im HdR

Punkt drei des Auftrags: Einstellen der Sendungen. Jakob lässt sich zum Reichsintendanten Dr. Heinrich Glasmeier führen und fordert diesen auf, den Sendebetrieb einzustellen. Der Intendant schickt den unkundigen Major daraufhin zusammen mit zwei Technikern in den Hauptschaltraum des Hauses, wo ihm nach Hantieren an einigen Reglern versichert wird, der Sendebetrieb sei eingestellt. Doch das Programm läuft planmäßig weiter - im Funkbunker gleich neben dem HdR. Damit ist der auf den Rundfunk bezogene Plan der Verschwörer faktisch bereits gescheitert.

Gegen 18.30 Uhr, vor dem Funkhaus

Eine 200 Mann starke SS-Einheit nähert sich dem HdR. Nach einem kurzen Gespräch unterstellt sich die Einheit Major Jakob – keiner der Verantwortlichen ist eingeweiht, alle fühlen sich der Sache der Nazis verpflichtet. Die SS wird eingelassen, Wehrmachtsposten mit Männern der Einheit verstärkt.

18.45 Uhr, Hochbunker neben dem HdR

Beginn des propagandistischen Gegenangriffs: Über den Deutschlandsender im Haus des Rundfunks wird über den reichweitenstarken Sender Tegel nach ganz Europa zum ersten Mal diese Meldung gesendet:

"Auf den Führer wurde heute ein Sprengstoffanschlag verübt. Der Führer selbst hat außer leichten Verbrennungen und Prellungen keine Verletzungen erlitten."

Knappe drei Stunden nach der offiziellen "Walküre"-Auslösung verbreitet sich damit die – wahre – Gegenmeldung vom Überleben Hitlers wie ein Lauffeuer über den gesamten Kontinent. Der Kampf um die Deutungshoheit beginnt.

Abends, Wehrmachtsstandorte im gesamten Reich und den besetzten Gebieten

Die Verwirrung bei den Militärs ist groß: Soll man der Radiomeldung, die nun stündlich verbreitet wird, Glauben schenken? Oder den Telefonaten und Fernschreiben aus dem Bendlerblock? Diskussionen allerorten – und Lähmung. In der Infanterieschule Döberitz bleiben dadurch z. B. Kompanien in ihren Kasernen, die eigentlich den Rundfunksender in Tegel hätten besetzen sollen.

In Paris entscheidet sich die Schlüsselfigur der Westfront aufgrund der Radiomeldung, die "Walküre"-Befehle nicht zu befolgen: Der Oberbefehlshaber West Generalfeldmarschall Günther von Kluge bricht im Laufe des Abends den Kontakt zum Berliner Bendlerblock ab. Und bei der Heeresgruppe Mitte in Russland entschließen sich die Verschwörer Henning von Tresckow und Fabian von Schlabrendorff wegen der Rundfunkmeldung gegen eine unmittelbare Rückkehr nach Berlin, wie sie mit Stauffenberg abgesprochen war. So kommen fast überall die Anfänge des Umsturzes ins Stottern.

19.30 Uhr, Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Wilhelmstraße

Jetzt kommt ein Telefonkontakt mit Major Jakob zustande – allerdings nicht mit den Verschwörern, sondern mit Propagandaminister Joseph Goebbels höchstpersönlich. Nun erhält auch der Militär klare Anweisungen: Keine Befehle aus dem Bendlerblock annehmen und die Lage im Funkhaus so belassen. Damit haben die Verschwörer die letzte Einflussmöglichkeit auf den Rundfunk verspielt. Das Haus des Rundfunks ist und bleibt Propagandazentrale der Nationalsozialisten. Dass Auftragspunkt Nummer 4:"„Kontaktaufnahme mit einem Nachrichtenoffizier" ebenfalls misslingt, weil der verantwortliche Generalleutnant Fritz Thiele gar keinen entsandt hat, spielt jetzt auch keine Rolle mehr.

Später Abend, Großer und Kleiner Sendesaal

Ruhe kehrt ein im Haus des Rundfunks. Der Referent des Reichsintendanten, Oskar Haaf, erinnert sich: "Den Soldaten hatte ich verschiedene Sendesäle als Quartier anweisen lassen. Robert Krajewski, der Kantinenwirt […], hatte für die Mannschaft eine warme Suppe gekocht. […] Bei einer Flasche Rotwein, die Krajewski gezaubert hatte, saßen wir nach Mitternacht mit den Offizieren des Bataillons zusammen." Der Kommunikationsfachmann ergänzt humoristisch, aber korrekt einschätzend: "Dabei erzählte ich, dass die Herren Offiziere ohne Zweifel keine geübten Putschisten wären, weil bis zur Stunde weder die Telefonzentrale, noch die Fernschreibzentrale von ihnen besetzt worden seien, was allgemeines Gelächter auslöste."

1.00 Uhr, Führerhauptquartier Wolfsschanze, Ostpreußen

Direkte Leitung ins HdR: Hitler meldet sich persönlich über den Rundfunk. Damit ist auch den letzten Hoffenden klar, dass der Aufstand am Ende ist.

Epilog: Was wäre, wenn …?

Was wäre, wenn die Verschwörer die Macht über das Haus des Rundfunks bekommen und genutzt hätten? Historiker Peter Hoffmann hat mit Sicherheit Recht, dass bei einer "wirksamen, nicht nur der äußerlichen Kontrolle des Funkhauses und der Sender" ein Zustandekommen der Rundfunkmeldung vom missglückten Attentat hätte verhindert werden können, und die "Beherrschung und sinnvolle Nutzung des Rundfunks" eine katalysierende Wirkung mit unvorhersehbaren Folgen gebracht hätte.

 

Mark Stuntz, rbb