Johannes Fischer Linus Giese
Bild: © Johannes Fischer

Gespräch mit dem Buchblogger Linus Giese - Unter Männern

Linus Giese gehört zu den bekanntesten Buchbloggern in Deutschland. Seit 2011 schreibt er auf "Buzzalrdrins Bücher" darüber, was er so liest. Wobei das nicht ganz richtig ist. Bis vor ein paar Jahren war er eine Buchbloggerin. Johannes Fischer im Gespräch mit Linus Giese über wirkungsmächtige Kaffeebecher, unangenehme Besuche und darüber, was Haare im Gesicht über Männlichkeit aussagen.

Schnuffeldecke mit Kaffee

Du warst unter den ersten, die in Deutschland angefangen haben, über Bücher zu bloggen. Wie fing das bei Dir an?

Linus Giese: Meinen Grundstein habe ich in einem Internet-Forum über Bücher gelegt. Und dann wollte ich 2011 meinen eigenen Blog. Stück für Stück hab ich mir dann andere Kanäle dazu geholt. Facebook, Instagram, Twitter.

In einem Interview über Dich hab ich gelesen, dass du dein Coming Out als Trans-Mann 2017 auf der Frankfurter Buchmesse hattest. Wie kam das denn?

Linus Giese: Im Oktober 2017 hab ich den Entschluss gefasst, dass ich so nicht mehr weiterleben kann. Das erste Mal hab ich meinen Namen in einem Starbucks-Café in Frankfurt gesagt. Häufig fragen sie dort  nach dem Namen, damit sie den auf den Becher schreiben.

Also den Vornamen, den du heute trägst.

Linus Giese: Und diesen Becher mit meinem Namen hab ich dann auf meiner Facebook-Seite gepostet und dazu geschrieben: Ich würde mich freuen, wenn Ihr mich in Zukunft mit meinem richtigen Namen ansprecht. Das war einen Tag vor der Frankfurter Buchmesse.

Seit wann hast Du diesen Namen im Kopf?

Linus Giese: Bestimmt 15 Jahre. Es gibt ja Linus in der Comicserie „Die Peanuts“. Der ist immer mit seiner Schnuffeldecke unterwegs. Ich wusste einfach, wenn ich meinen Namen nochmal ändere, dann in Linus.

Und seit wann denkst darüber nach, dass Du gerne ein Mann wärst?

Linus Giese: Als ich 16 war gab es die Internetseite mytagebuch.de. Da habe ich das Tagebuch eines Trans-Mannes gelesen. Der hat auch diesen ganzen Prozess beschrieben. Und da dachte ich: Wow, das wünsche ich mir auch. Aber ich hatte nie den Mut, das anzugehen.

Warum nicht?

Linus Giese: Ich hatte nie die Unterstützung dafür. Und ich hatte Angst, dass sich alle von mir abwenden, wenn ich sage, dass ich ein Trans-Mann bin. Bis ich im Sommer 2017 an einem Punkt war, an dem ich dachte: Jetzt oder nie. Ich werde ja auch nicht jünger.

Was war 2017 anders?

Linus Giese: Ich hatte damals auch viel mit einem Freund darüber gesprochen. Und ich brauchte einfach einen Menschen in meinem Leben, der mir geglaubt hat und für mich da war. Der gesagt hat: Wenn Du ein Mann bist, dann bist Du ein Mann.

Linus Giese
Bild: © Linus Giese

Pronomen können glücklich machen

Viele Menschen können sich gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn man nicht das Geschlecht leben kann, mit dem man sich identifiziert. Kannst Du mal versuchen, das zu beschreiben?

Linus Giese: Es gibt ja dieses Wort Dysphorie, wenn man sich zum Beispiel mit Körperteilen nicht wohl fühlt. Viele Trans-Männer haben eine Dysphorie ihre Brüste betreffend. Das fühlt sich nicht richtig für sie an. Und um anderen Menschen das zu verdeutlichen, hilft mir das Wort Euphorie.

Warum das?

Linus Giese: Ich kann viel leichter sagen, was mich glücklich macht, als was mich unglücklich macht. Ich bin glücklich, wenn man mich als Mann liest. Wenn man das männliche Pronomen für mich verwendet. Wenn in einem Geschäft jemand sagt: "Jetzt ist aber erst der Herr dran." Wenn mir Haare im Gesicht wachsen. Ich weiß genau, was ich brauche, um mich glücklich zu fühlen. Und das hole ich mir. Stück für Stück.

Was hast du dir am Anfang noch geholt?

Linus Giese: Ich war hier in Berlin in einem Geschäft für Trans-Menschen und habe mir einen Binder gekauft. Eine Art Sport-BH, der noch enger sitzt und die Brüste flach macht. Und für mich stand auch fest, dass ich Hormone nehmen möchte.

Klingt nicht so, als ob das selbstverständlich ist.

Linus Giese: Für viele ist es schwer zu verstehen, dass nicht alle Trans-Menschen gleich sind. Nicht alle wollen Hormone nehmen. Nicht alle wollen sich operieren lassen. Jede*r entscheidet für sich, womit er oder sie glücklich ist.

Wie läuft das mit den Hormonen ab?

Linus Giese: Ich musste mir erst eine Therapeutin suchen, die mir bescheinigt hat, dass das mit den Hormonen alles seine Richtigkeit hat. Dann bin ich zum Endokrinologen gegangen. Und dort bekomme ich alle 12 Wochen eine Spritze.

Welche Wirkung hatte das nach der ersten Behandlung?

Linus Giese: Zwei Monate später hat ein Freund mir dann gesagt: Ich glaube, Du bist im Stimmbruch. Das war die erste Veränderung. Dann wuchsen auch überall Haare. Da spielen aber auch genetische Vorbedingungen eine Rolle. Es gibt Trans-Männer, die haben keine Haare im Gesicht.

Gibt auch Nicht-Trans-Männer, die haben kaum Haare im Gesicht.

Linus Giese: Eben.

Alles nicht so einfach

Hast Du auch unangenehme Erfahrungen gemacht?

Linus Giese: Ich glaube, dass ich unglaubliches Glück hatte. Ich musste nur vier Wochen auf meinen ersten Therapie-Termin warten. Meine Therapeutin hat mir in der zweiten Sitzung Hormone verschrieben. Ich kenne Menschen, die nach einem Jahr noch keine Hormone bekommen

Wo war es schwieriger?

Linus Giese: Ich habe sechs Monate mit der Krankenkasse darum gestritten, dass sie mir meinen Namen auch auf die Krankenkassenkarte schreiben. Die kennen nur Menschen, die ihren Namen über das Transsexuellen-Gesetz haben ändern lassen.

Bis vor einem Jahr konnten Trans-Menschen ihr eingetragenes Geschlecht und dann auch den Namen nur in einem langwierigen und teuren Verfahren über das Transsexuellen-Gesetz ändern lassen. Über den neue Paragraph 45b des Personenstandgesetzes geht das viel schneller. Wie lief das bei Dir ab?

Linus Giese: Ich habe zu meiner Hausärztin gesagt, dass ich ein Attest von ihr brauche, dass bei mir eine Variante der Geschlechtsentwicklung vorliege. Damit bin ich zum Standesamt und habe meine Geburtsurkunde ändern lassen.

Klingt schon danach, dass das heute alles einfacher ist.

Linus Giese: Da zögere ich immer. In Berlin bekommt man vergleichsweise schnell einen Termin bei eine*r Therapeut*in. Ich bin auch auf der Straße keinen Diskriminierungen ausgesetzt, weil man mich für eine androgyne Frau halten könnte. Man sieht mir nicht an, dass ich ein Trans-Mann bin.

Das ist bei Trans-Frauen anders?

Linus Giese: Ich kenne viele Trans-Frauen, die sagen, dass sie in keiner anderen Stadt so häufig bespuckt wurden wie hier in Berlin. Oder die hier in Berlin nicht an bestimmte Orte gehen können.

Ich habe gelesen, du hast auch Hass im Netz erfahren müssen.

Linus Giese: Das geht seit Dezember 2017. Auf Twitter hat so eine Gruppe meine Arbeitsadresse veröffentlicht und damit gedroht, da vorbei zu kommen. Das wurde immer schlimmer. Im Oktober wurden bei mir die Klingel- und Briefkastenschilder mit meinem alten Namen überklebt. Zwei Wochen später stand jemand vor meiner Tür und hat fast eine Stunde geklingelt und geklopft.

Hast Du die Polizei gerufen?

Linus Giese: Die wollte nicht kommen. Die meinten, es könnte der Pizza-Bote sein. Das sei keine Bedrohung, maximal eine Belästigung. Ich glaube schon, dass die Mehrheit in der Gesellschaft meiner Entscheidung offen gegenüber steht. Aber ich erlebe eben auch solche Dinge.

Immer mal wieder liest man gerade, dass die Zahl von transidenten Menschen stark zunehmen würde. Wie siehst du das?

Linus Giese: Ich glaube, man muss diese Zahlen immer im Verhältnis dazu sehen, dass es heute gesellschaftlich erlaubter ist, so einen Wunsch zu formulieren. Mich findet man auch nicht in einer Statistik vor 10 Jahren. Weil es damals noch keine Aufklärung gab.

Einige konservative Zeitungen sprechen sogar schon von einer „Transgender-Debatte“.

Linus Giese: Mich erinnert das Wort Debatte eher an Talkshows. Ich finde, als Gesellschaft sollten wir nicht die Debatte darüber führen, wer ab wann Hormone bekommt. Das muss besprochen werden zwischen Ärzt*innen, Therapeut*innen und den Betroffenen. Nur die geht das etwas an.

 

Das Gespräch führte Johannes Fischer.

 

Den Blog von Linus Giese finden Sie hier:

"Buzzaldrins Bücher"

Das Buch von Linus Giese "Endlich Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war" erscheint Mitte August im Rowohlt Verlag.