Großbritannien, London: Ein Brexit-Befürworter trägt einen Unionjack-Anzug und hält Schilder mit den Aufschriften "Bye bye EU!" und "Believe in Britain"; © dpa/Angeles Rodenas

31. Januar 2020 - Bye-bye, Britain!

Heute um Mitternacht ist es soweit: Großbritannien verlässt die Europäische Union. Eine Liebeserklärung an die Briten in Bildern und in Worten der Autorin Nele Pollatschek.

Liebes England,

Die Autorin Nele Pollatschek - Foto: mit freundlicher Genehmigung des Verlags Galiani - Copyright: Martin Phox

ich weiß auch nicht, wie ich ausgerechnet jetzt auf die Idee komme, woher ich das haben könnte, du lässt dir ja wirklich nichts anmerken, aber seit einiger Zeit, genaugenommen seit 2016, es muss irgendwann im Sommer gewesen sein, beschleicht mich dieses mulmige Gefühl: Ich glaube, du willst nicht mehr. (Falls es so ist, sag mir was du willst, was du wirklich, wirklich willst!)

Ich verstehe dich ja, in letzter Zeit war es echt nicht so einfach. Du hast oft gesagt, du willst, dass alles anders wird. Schwedisches Modell hast du gesagt – oder war es Norwegen – aber bei Ikea wolltest du dann doch wieder nur ein Hotdog essen, und bei uns zuhause blieb alles beim Alten (Erkerzimmer, schmuddliger Teppich, sexuelle Frustration). Und deine Probleme mit dem Backstop verstehe ich ja auch, aber da helfen Trockenpflaumen, und wenn du nicht immer ganz so fettig kochen würdest, dann wärst du auch nicht so verstimmt.

Aber wir hatten auch gute Zeiten miteinander. Wir haben viel gelacht, über deinen britischen Humor, auf den du dir ja sehr viel einbildest. Über dein Unterhaus, dein Oberhaus, dein Oberstübchen. Über "Ooorder. Oooorder." Ich habe so getan, als fände ich Mr. Bean lustig, und seien wir ehrlich, das war auch nicht immer leicht. Wir haben gemeinsam deine Bücher gelesen. Zu Weihnachten haben wir gemeinsam deine Filme geschaut, eigentlich immer nur den einen. Wir haben uns gefreut über David Beckhams rechten Fuß. Über David Beckhams linken Fuß. Und über die Liebe, actually. Wir haben miteinander Tee getrunken, immer nur Tee, keinen Kaffee, weil du glaubst, dass du das nicht kannst, aber ehrlich deine Baristas, deine Flat Whites, ich glaub, du hast da schon Potenzial. Du musst nur endlich an deine Kaffee-Kultur glauben. Und an Europa. Aber gut, darüber haben wir jetzt auch genug gesprochen.

Und weißt du nicht mehr, diese eine magische Nacht, als wir das erste Mal gemeinsam nach 23 Uhr – pardon, 11 pm – etwas tranken und es zum ersten Mal nicht regnete und wir gemeinsam auf der Toilette verschwanden und der Wasserhahn zum ersten Mal nicht nur heißes oder kaltes Wasser spie. Und dieses eine Mal hast du nicht zu viel getrunken, denn seien wir ehrlich, normalerweise kennst du deine Grenzen nicht. Also wirklich, eine Grenze, oder zwei oder vier – entscheide dich halt mal! Das geht doch wirklich nicht an! Das hält auf Dauer keiner aus!

Vielleicht hast du ja Recht und wir sollten anfangen, andere Länder zu sehen. Ich glaube, Schottland ist bald wieder auf dem Binnenmarkt.

Nele Pollatschek

Bildergalerie

Literatur

Anti-Brexit-Demo in London, Mai 2019; © imago/Alberto Pezzali
imago/Alberto Pezzali

Stürmische Zeiten

"Brexit oder Nicht-Brexit?" – Die Frage, die das Vereinigte Königreich in den letzten drei Jahren umtrieb, hat auch in der Literatur Eingang gefunden, u.a. in Romane von Ali Smith, Sam Byers, John Lanchester und Jonathan Coe. Ein Beitrag von Thomas Diecks.

Was im ganzen Land geschehen war, das schlug wild um sich wie eine Stromleitung, die vom Sturm von einem Mast abgerissen worden war und nun über den Bäumen, den Dächern, dem Verkehr durch die Luft peitschte. Im ganzen Land hatten Menschen das Gefühl, es war die richtige Sache. Im ganzen Land hatten Menschen das Gefühl, es war die falsche Sache. Im ganzen Land googelten Leute: Was ist die EU? Im ganzen Land googelten Leute: Umzug nach Schottland. Im ganzen Land googelten Leute: Irische Reisepassanträge.

Ali Smith: "Autumn"