Über Leben in Demmin Natur
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Dokumentarfilm | Mi 08.01.2020 | Das Erste - "Über Leben in Demmin"

Frühjahr 1945. Wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs ereignet sich in der kleinen Stadt Demmin in Mecklenburg-Vorpommern eine große Tragödie. Aus Angst vor den Roten Armee nehmen sich rund 1000 Menschen das Leben. Heute wird das Gedenken an diesen Massenselbstmord von Rechtsextremisten instrumentalisiert.

Wie Demmin mit dieser Vergangenheit umgeht, davon handelt der Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“, der am Mittwoch 08.01.20 um 22:45 Uhr im Ersten läuft. Ein Gespräch mit dem Regisseur Martin Farkas über seinen Film und darüber, welche Folgen dieser Dokumentarfilm für Demmin hatte.

Angst vor der Hölle

Das ist ein sehr guter Film. Sehr intensiv und klug. Wie bist Du auf die Idee dazu gekommen?

Martin Farkas: Ich war 2013 zufällig das erste Mal in Demmin, als Rechtsradikale dort demonstriert haben. Der Schauspieler Charly Hübner hat dort einen kleinen Dokumentarfilm gedreht und mich eingeladen als Kameramann mitzumachen.

Seit 2006 instrumentalisieren Rechtsextremisten das Gedenken an die Selbsttötungen von Demmin durch einen Trauermarsch.

Martin Farkas: Ich war hochgradig irritiert, weil es in der Stadt kaum Widerstand dagegen gab. Dann hab' ich angefangen, mich für diese Stadt zu interessieren und bin auf diese abgründige Geschichte gestoßen.

Was ist damals im Frühjahr 1945 passiert?

Martin Farkas: Die Rote Armee näherte sich Demmin. Es ging nur noch darum: Flieht man vor den Sowjets, oder bleibt man da. Dann begann eine Welle von Selbsttötungen.

Solche Selbsttötungen gab es zum Ende Krieges häufig, aber wohl nirgends so ausgeprägt wie in Demmin. Dort lebten 1939 rund 15 000 Menschen. Um die 1000 Menschen brachten sich 1945 um.

Martin Farkas: Natürlich kann ich nichts über die individuellen Beweggründe sagen. Aber das hängt vielleicht damit zusammen, dass Demmin vom Krieg wenig mitbekommen hat. Es gab keine Bombardierungen. Die Stadt hatte nicht so viele Erfahrungen mit dem Krieg.

Was die Angst vor der Roten Armee vielleicht noch größer werden ließ. Gibt es weitere Erklärungen?

Martin Farkas: Das Bedrohungsgefühl entstand nicht nur durch die Propaganda der Nazis, die zum Ende des Krieges nochmal geschürt wurde. Die Männer dort waren zum Teil Mittäter im Angriffskrieg in Russland.

Die Nazis propagierten einen brutalen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Die Deutschen verübten dort grausame Kriegsverbrechen.

Martin Farkas: Und die Deutschen kamen aus dem Krieg zurück und haben gesagt: Wenn wir diesen Krieg verlieren, werden sich die Russen schrecklich rächen. Es gab eine ungeheure Angst.

Als die Rote Armee am 30. April 1945 dann Demmin einnahm, kam es auch zu Brandstiftungen und Vergewaltigungen.

Martin Farkas: Das alles könnte zu diesen extrem hysterischen Reaktionen geführt haben. Mütter brachten sich und ihre Kinder um. Da öffnete sich für Tage die Hölle.

Über Leben in Demmin Protagnist mit Tätowierungen
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Schwere Vergangenheit

Du hast für Deinen Film auch mit vielen Zeitzeug*innen gesprochen, die teilweise als Kinder diese Selbsttötungen beobachtet oder ihnen sogar entkommen sind. Das waren bestimmt keine einfachen Interviews.

Martin Farkas: Wenn ich mit der Kamera komme von außen, dann nutzen die Leute die Gelegenheit, die Dinge zu erzählen, die sie bisher nicht erzählen konnten. Die hatten auch den Wunsch, mir das zu erzählen.

In Deinem Film gibt es keine*n Sprecher*in. Nur ein paar Einblendungen. Sonst kommen nur die Menschen in Demmin zu Wort.

Martin Farkas: In der frühen Fassung des Filmes waren Gespräche mit Historikern und Psychiatern drin. Um die Phänomene im Film einzuordnen. Aber irgendwann hatten wir das Gefühl, wir brauchen das nicht. Die Zuschauer werden ihre eigenen Erfahrungen einbringen und so vielleicht den Film persönlicher verstehen.

Wie haben, abgesehen von den Zeitzeug*innen, die Menschen in Demmin auf Deine Dreharbeiten reagiert?

Martin Farkas: In der Stadt gab es immer eine Abwehr, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Es gab nicht mal eine Fantasie, dass es was mit der Gegenwart zu tun haben könnte. Ich hab' in dieser Stadt auch immer eine gewisse Schwermut empfunden.

Eine Schwermut?

Martin Farkas: Nicht behandelte Traumata führen zu posttraumatischen Belastungsstörungen. Und können an die nächste Generation weitergegeben werden. Ich hatte den Eindruck, dass das vielleicht in der Stadt eine Rolle spielen könnte.

Wie kommst Du darauf?

Martin Farkas: So etwas kenne ich auch von mir: Wenn man ein schweres Trauma erlebt hat, dann versucht man extreme Gefühle in der Nachfolge zu vermeiden. Weil es an diese ebenfalls extremen traumatischen Gefühle erinnern könnte. Das führt dann dazu, dass man schlechte Gefühle, aber auch gute Gefühle vermeidet.

Über Leben in Demmin © rbb / IT WORKS
Bild: rbb / IT WORKS

Alles sehr menschlich

Findet Demmin langsam einen Umgang mit dieser Vergangenheit?

Martin Farkas: Es gab auch eine gewisse Angst gegen diesen Film. Dass jetzt wieder jemand kommt, der in diesen Abgründen bohrt und man nur damit assoziiert wird. Und die wollen doch auch, dass Touristen da hinkommen. Ist 'ne wahnsinnig schöne Landschaft dort.

Wurde das im Laufe der Zeit besser?

Martin Farkas: Das ging bis zur Premiere des Films. Und der lief dann in diesem lokalen Kino täglich 9 Wochen lang.

9 Wochen? Täglich?

Martin Farkas: Jeder in dieser Stadt, der irgendwie laufen konnte, hat diesen Film offenbar gesehen. Manche mehrfach.

Das muss für Dich als Regisseur unglaublich schön sein.

Martin Farkas: So ein Geschenk bekommt man als Künstler wirklich selten. Vor kurzem wurde ich eingeladen zu einer Podiumsdiskussion, was sich in Demmin seit dem Film verändert hat. Es gibt heute ein Forum für alte Leute, wo sie über ihre Erfahrungen sprechen können. Trauma-Therapeuten haben sich niedergelassen. In der Stadt wird über einen Gedenkort diskutiert.

Eine wirklich erstaunliche Veränderung.

Martin Farkas: Ich hab' den Eindruck, man versteht dort, dass das alles Teil der Identität ist. Und dass eine Auseinandersetzung mit dieser Geschichte heilsam sein kann. Damit so vielleicht auch ein anderer Umgang mit der Gegenwart und ein anderer Aufbruch in die Zukunft möglich ist.

Mir ist durch diesen Film nochmal klar geworden, wie anfällig Menschen werden für rechtsradikales Gedankengut, wenn Kriegserinnerungen nicht reflektiert erinnert werden.

Martin Farkas: Ich hab' mir immer nicht vorstellen können, wie kommt jemand dazu, rechtsradikal zu denken. Ich glaube, durch diesen Film hab' ich das besser verstanden. Durch diese posttraumatischen Belastungsstörungen kann man nicht offen wahrnehmen.  

Wenn zu komplexe Gefühle zur emotionalen Überforderung werden.

Martin Farkas: Genau. Diese schöne Wort: Ambiguitätstoleranz. Widersprüche aushalten können. Aushalten, dass viele unserer Vorfahren zum Beispiel Verbrechen begangen haben. Und das ist wahnsinnig schwer auszuhalten. Und ich könnte mir vorstellen, dass das bei manchen im Nachhinein gerechtfertigt wird, indem man ähnliche Haltungen einnimmt.

Aber sich auf diese Weise mit Geschichte und auch der eigenen Biographie auseinanderzusetzen, ist auch eine sehr große Herausforderung.

Martin Farkas: Wir behandeln Erinnerung sehr oft als etwas Heiliges. Weil dieses Unglück und die vielen Morde so ungeheuerlich sind. Und es in so etwas Heiliges zu verschieben, ist auch eine Distanzierung, die gar nicht angemessen ist. Das ist alles sehr menschlich.

 

Das Gespräch führte Johannes Fischer.

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