Zeigerlose Uhr am Hauptbahnhof in Ulm; © imago-images/imagebroker
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Warum die Uhr das Zeitliche segnen muss - Ganz im Augenblick

"Eins, zwei, drei – im Sauseschritt eilt die Zeit. Wir eilen mit."

Schön gereimt – aber stimmt nicht: Die Zeit eilt nicht. Wir lassen uns höchstens von der Uhr hetzen. Aber das hat jetzt ein Ende. Oder doch nicht?

Als im vergangenen Sommer die norwegische Insel Sommarøy ankündigte, die Zeit abzuschaffen und fortan als erste zeitfreie Zone der Welt zu gelten, hatten sie zwar die Aufmerksamkeit auf ihrer Seite, aber auch einen riesigen Denkfehler gemacht. Denn Zeit kann man nicht abschaffen. Höchstens die Uhren außer Reichweite legen.

Die Uhr kann gehen

Für den Zeitforscher Karlheinz Geißler ist es ein typisches Zeitphänomen, dass man sich von der Uhr lossagen möchte, "weil wir in einer Gesellschaft gelandet sind, in der wir merken, dass die Uhr nicht nur positive Seiten hat für uns, dass sie uns auch in Zwänge bringt, die uns nicht mehr los lassen und die wir nur loswerden, wenn wir die Uhr loswerden."

Die Uhren haben ausgedient, die Uhren können gehen, sinniert er und holt zu einem Nachruf aus. Denn die Uhren haben über Jahrhunderte das Leben organisiert. Erst vom Kirchturm oder Rathaus aus, dann als Handfessel an jedermanns Arm.

Ohne Uhr kein Kapitalismus. Das kann man so deutlich sagen. Die Uhr ist die Basis des Kapitalismus bzw. das Mutterinstrument des Kapitalismus.

Karlheinz Geißler

Die Uhr wird im zunehmenden Flexibilisierungsprozess unwichtig: "Die Stechuhr ist das Symbol dafür. Sie werden abgeschafft, weil man sagt, ihr müsst kommen, wenn ihr fähig seid möglichst optimal zu arbeiten und deshalb führen wir Gleitzeit ein, also kommt bitte, wenn ihr arbeitsfähig seid und nicht wenn ihr müde seid."

Der Zeitdruck oder besser gesagt der Druck, etwas in einer bestimmten Zeit zu erarbeiten, ist trotzdem nach wie vor da, eher schlimmer geworden. Die Uhr tickt also noch, auch wenn der Gehorsamkeitskult gegenüber der Uhr geringer geworden ist. Wir nehmen es nicht mehr so genau mit der Zeit und mit der Pünktlichkeit. Weswegen der Zeitforscher auch von einer "Uhrendämmerung" spricht:

"Ent-Takt-ung kann man auch sagen, das ist auch Entgiftung von der Uhrzeit, d.h. den Takt wieder loszuwerden der Uhrzeit – um an den Rhythmus wieder ranzukommen, den Körper und Natur repräsentieren. Und diese Natur ist hochflexibel und wenn wir eine flexible Welt haben wollen, dann ist die Natur immer der bessere Bezugspunkt als die Uhr."

Uhrwerke bei Askania; © Jürgen Gressel-Hichert
Bild: Jürgen Gressel-Hichert

Die Uhr kann kommen

Für einen Uhrmacher kein gutes Zeichen, weswegen Andreas Müller als Produktionsleiter der Uhrenmanufaktur Askania in Berlin auch die Augenbrauen hoch zieht. Nein, Uhren werde es schon noch geben, sie sind schließlich der "Schmuck des Mannes", auch und immer noch ein Statussymbol. Die Verkaufs- und Werkstatträume der Askania befinden sich in den Hackeschen Höfen. Hier werden mit viel Liebe zum Detail mechanische Uhren zusammengesetzt, zugegeben nicht ganz billig, dafür aber haltbar und kein Artikel, den man wegwirft, wenn er mal nicht geht.

Man nimmt sich bei Askania Zeit für die Uhren, kennt jedes Rädchen, jede Brücke, die Unruhe und die Krone und freut sich, dass selbst die Uhrenseminare, bei denen man seine eigene Uhr zusammenbauen kann, gut besucht sind. Die Uhr als etwas Besonderes, das wird überleben, davon ist Andreas Müller überzeugt, auch wenn man weniger Uhren an Handgelenken sieht, weil das Handy längst zum Chronometer geworden ist.

Göttlicher Mittagsschlaf

Ein anderes Zeitverständnis – das kann man auch durch die Beschäftigung mit anderen Kulturen und ihrer Geschichte lernen. So gab es im Alten Orient zwar auch schon vor tausenden Jahren Zeitdruck und Effizienzdenken, aber etwa bei den Sumerern keinen Begriff für Zeit, erzählt die Alt-Orientalistin Eva Cancik-Kirschbaum: "Es ist vielleicht kein Zufall, dass unter den ersten Göttern, die geschaffen werden im Alten Orient – da gibt es Himmel und Erde – und dann gibt es Herr und Frau Dauer – also nicht die Idee der Zeit, sondern des Andauernden. Diese beiden haben keinen Kult, sondern sie sind einfach vorhanden. Das ist der einzige Pol, den wir finden für das kosmische Element, das wir ZEIT nennen."

Apropos Götterwelt: Auch Götter kennen Tagesabläufe und reagieren empfindlich, wenn man sie etwa beim Mittagsschlaf stört. "Die Sintflut ist eine überzogene Reaktion eines Gottes, der sich in seinem Schlaf gestört gefühlt hat, der seine Kollegen angestiftet hat, also der Lärm hört gar nicht auf, das muss jetzt endgültig beseitigt werden."

Langzeitbelichtung: Insel Sommaroy mit dunklen Wolken über dem stürmischen Meer, Küstenlandschaft im Winter; © imago-images/Stefan Arendt
Insel Sommarøy | Bild: imago-images/Stefan Arendt

Die Uhr im Jetzt

Wieder den eigenen Rhythmus finden, das ist auch für den Bildenden Künstler Leo Zogmayer ein wichtiges Thema geworden. Er gestaltet Räume, Skulpturen – und hat vor zwanzig Jahren einen besonderen Zeitmesser gestaltet – mit Zeigern, aber statt eines Ziffernblattes lautet die Botschaft auf die Frage, wie viel Uhr es ist: JETZT. Ein kleiner Schriftzug, der plötzlich da war, erinnert er sich, und der sich ihm eingebrannt hat: "Jetzt! Das ist ein ganz schillerndes Wort. Alles tun wir jetzt, auch wenn wir zurückschauen, dann im Jetzt. Wir erzeugen Vergangenheit. Oder Zukunft. Durch das Jetzt sehen wir alles. Diese Uhr ist eine Erinnerung an das Jetzt. Jetzt ist Echtzeit."

Ansonsten ist der künstlerische Prozess so etwas "wie eine Zeitmaschine, die aber Zeit eliminiert, also die Stresszeit, wo ich kontrollieren und messen will. Der Zeitmesser oder das Zeitmesser, das die Zeit zerstückelt, ist in der Kunst kein Thema."

Die Uhr muss das Zeitliche segnen, damit wir wieder zu uns finden? Leo Zogmayer nickt: "Wenn die Uhr stehen bleibt, ist Zeit."

Jürgen Gressel-Hichert, rbbKultur