Liebe groß und klein geschrieben
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Gespräch mit Anatol Stefanowitsch - Die Liebe der Sprache

Ein Gespräch zum Valentinstag mit dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch über irgendwie positive Gefühle und stabile Beziehungen. Und ob Briefmarken auch Liebe erwidern können.

Alt, aber schwammig

Habe ich dir schon mal gesagt, dass du mein Sprachwissenschaftler des Herzens bist?

Anatol Stefanowitsch: Das verstehe ich. Ich komme ja auch von einem Tag auf den anderen zu einem beliebigen Thema. So bin ich eben. Aber das ist auch wegen meiner großen Liebe zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Womit wir beim Thema wären: Wann begann deine Liebe zur Sprachwissenschaft?

Anatol Stefanowitsch: Sprachwissenschaft habe ich schon als Kind geliebt, ohne zu wissen, dass es diese Wissenschaft gibt. Also Sprache als diese merkwürdige Art, Gedanken auszutauschen. Ich wäre auch nie drauf gekommen, dass das eine akademische Disziplin ist. Universität lag mir kulturell eher fern.

Mittlerweile bist du Professor am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin. Was ist Liebe aus sprachwissenschaftlicher Sicht?

Anatol Stefanowitsch: Das Wort „Liebe“ hat im Deutschen und in den meisten europäischen Sprachen eine große Bandbreite an Bedeutungen. Es kann auch auf Dinge angewendet werden. Ich liebe Bier oder gutes Essen. Oder die fürsorgliche Liebe zu Kindern oder Menschen, die von einem abhängig sind. Auch die romantische und sexuelle Liebe. Oder die Mischung daraus.

Klingt eigentlich ziemlich schwammig.

Anatol Stefanowitsch: Ja. Irgendwie positive Gefühle. Der Wortstamm kommt aus dem Indo-Europäischen. Also ungefähr 10 000 Jahre alt. Und hat dort schon diese positive zugewandte Bedeutung. Also eine allgemeine positive Emotion. Aber Liebe ist ja doch noch genauer.

Wie genau denn?

Anatol Stefanowitsch: Es ist ein positives Gefühl, das sich auf etwas richtet und durch etwas ausgelöst wird.

Liebe braucht also ein Gegenüber.

Anatol Stefanowitsch: Genau. Bei Freude und Glück brauche ich das nicht.

Das heißt Liebe findet immer in Beziehungen statt, entweder zu Personen oder zu Dingen?

Anatol Stefanowitsch: Ja. Man könnte ja auch im Deutschen zum Beispiel sprachlich unterscheiden. Ich begehre jemanden. Oder ich übernehme Fürsorge für jemanden. Interessant ist, dass das sprachliche Konzept „Liebe“ diese ganzen Dinge zusammenfasst und sagt, dass die alle was miteinander gemeinsam haben. Dieses positive Gefühl, das an eine Entität geknüpft ist.

Liebe ziemlich stabil

Schon interessant, dass diese sprachliche Idee von Liebe schon so alt ist und sich letztlich nicht so stark verändert hat.

Anatol Stefanowitsch: Die Idee der romantischen Liebe ist ja irgendwann im Mittelalter entstanden.

Der Minnesang im 12. und 13. Jahrhundert. Ritter sangen bei Hofe ihre Werbe- und Preislieder auf anwesende Damen, wohl wissend, dass sie diese Damen nie erobern werden.

Anatol Stefanowitsch: Dieses Gefühl, dass eine Person da ist, die etwas auslöst und die ich überzeugen möchte. Ich denke, dass diese Form der Beziehung etwas Universelles ist. Ob es jetzt Eltern und Kinder sind oder Partner*innen.

Diese Stabilität des Begriffes deckt sich auch mit der Geschichte des Valentinstags, der auch schon recht alt ist. Die Anfänge dieses Liebesfestes gehen mindestens bis ins Jahr 1400 zurück. Und der Valentinstag wird auch in Ländern wie Iran oder Libanon gefeiert.

Anatol Stefanowitsch: Wie bei Hollywood-Filmen, die ja eine ganz hoch ritualisierte Form präsentieren, wie man sich kennenlernt oder sich datet oder wie man Gefühle für einander entwickelt. Und diese Elemente stoßen ja offenbar universell auf etwas, was Menschen verstehen.

Johannes Fischer Anatol Stefanowitsch © Johannes Fischer
Bild: Johannes Fischer

Stimmt. Hollywood-Filme funktionieren auch auf der ganzen Welt.

Anatol Stefanowitsch: Auch interessant, dass in der Anbahnung einer Beziehung die Liebe in Hollywood-Filmen nicht zu früh verbalisiert werden darf. Das ist ja der große Wendepunkt. Muss wohl überlegt sein, wann man das ausspricht.

Es gibt auch kaum einen Begriff, der so stark verkitscht und überbeansprucht wird wie die Liebe. Trotzdem nutzt er sich nie ab. Wie kommt das?

Anatol Stefanowitsch: Weil der Begriff eben diese grundlegend menschlichen Bedürfnisse abbildet.  Es ist eine ganz natürliche Reaktion, seine Kinder und auch seine Eltern zu lieben. Es ist auch natürlich, sich zu verlieben. Liebe ist nichts, was gelernt werden muss. Man kann es mal verlernen. Sie überrascht auch, wenn sie das erste Mal passiert.

Und sie überrascht einen immer wieder.

Anatol Stefanowitsch: Auch da nutzt sich Liebe ja nicht ab. Diese Stabilität der menschlichen Erfahrung dürfte zur sprachlichen Stabilität dieses Konzeptes stark beigetragen haben.

Sprache liebt mich, sie liebt mich nicht...

Liebe ist also etwas ganz Essentielles für den Menschen. Egal, was wir drum herum bauen. Was wäre diese Essenz für dich?

Anatol Stefanowitsch: Sich auf etwas anderes einzulassen als uns selbst. Und dieses Andere für den Moment zu unserem Wesenskern zu machen. Das verbindet vielleicht die Liebe zu den Kindern mit der partnerschaftlichen Liebe bis hin zur Liebe zu Briefmarken.

Sich also selbst für dieses Andere zurücknehmen.

Anatol Stefanowitsch: Bei Liebe geht es ja auch darum, etwas im Anderen auszulösen. Ich liebe meine Kinder. Da kann ich nicht viel dagegen tun. Aber man möchte ja auch von den eigenen Kindern geliebt werden.

Das würde aber bei Briefmarken nicht funktionieren.

Anatol Stefanowitsch: Die interessante Frage wäre, ob man selbst das Gefühl hat, dass man auch den Briefmarken etwas bedeuten möchte. So absurd das klingt.

Hast du denn das Gefühl, dass du der Sprache etwas bedeutest?

Anatol Stefanowitsch: Das Schöne an meiner Liebe zur Sprache ist, dass das eine sehr reine und wenig besitzergreifende Form der Liebe ist. Eigentlich ein schönes Modell. Die Sprache kann machen, was sie will.

Von Sprache kriegst du also nie genug?

Anatol Stefanowitsch: Nie. Gibt ja Leute, die sagen, sie mögen diesen oder jenen Dialekt nicht. Und ich habe Kolleg*innen, die mögen bestimmte Ausdrücke nicht. Die finden dann, dass man „anscheinend“ und „scheinbar“ klar von einander trennen sollte und dass die Sprachgemeinschaft im Unrecht ist, wenn sie das nicht tut.

Klingt sehr besitzergreifend.

Anatol Stefanowitsch: Genau. Das ist bei mir nicht so. Sprache kann bei mir machen, was sie will. Mir gefällt, wie sie vor 500 Jahren war. Mir gefällt, wie sie heute ist. Ich erwarte nichts von ihr.

Das ist eine sehr reife Form der Liebe.

Anatol Stefanowitsch: Die habe ich sonst zu nichts und niemandem.

Das bedeutet aber auch, dass du der Sprache bedingungslos vertraust.

Anatol Stefanowitsch: Ja. Und selbst, wenn sie mein Vertrauen enttäuschen würde, würde das an dieser Liebe nichts ändern. Sie ist immer wieder faszinierend. Man ist oft genug überrascht, dass man sogar dann überrascht ist, wenn sie sich so verhält, wie man es erwartet hat.

Finde das sehr romantisch, wie du von deiner Liebe zur Sprache erzählst.

Anatol Stefanowitsch: Es ist kein Zufall, dass meine Frau, die Liebe meines Lebens, auch Sprachwissenschaftlerin ist.

 

Das Gespräch führte Johannes Fischer.