SO36 geschlossen - Karten behalten Gültigkeit; © Stefanie Groth
Stefanie Groth
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Sozial distanzierte Beobachtungen von Stefanie Groth - Corona killt Kultur

Wie geht die Kreativ-Metropole Berlin damit um, wenn Clubs und Läden fast von heute auf morgen dicht machen müssen? Stefanie Groth hat in den letzten Tagen erlebt, was der Shutdown für Berliner Künstler*innen wirklich bedeutet.

Eine Reportage mit Sicherheitsabstand und Einblicken in einen Ausnahmezustand.

Stefanie Groth; © Axel Svehla
Bild: Axel Svehla

"Hi Steffi. Ich hoffe dir gehts gut. Mich hat gerade das Gesundheitsamt angerufen und die wollen heute im Laufe des Tages vorbeikommen und einen Abstrich bei mir machen. Ich wollte dich fragen, ob wir unser Treffen auf morgen verschieben können und dann ins Studio gehen?" Mit dieser Sprachnachricht von Tim beginnt meine Recherche vergangene Woche.
 

Schluss mit lustig

Eigentlich waren wir verabredet, um darüber zu reden, was die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Corona für ihn als DJ bedeuten. Madrid, Paris, Brüssel, Beirut, Hamburg – all seine Auftritte wurden abgesagt, von einem Tag auf den anderen. Schlimm genug, denn eigentlich wollte er als DJ gerade durchstarten. Und dann kommt es auch noch richtig dick für ihn: Tim erfährt, dass er auf einer Party war, auf der neun Leute mit Corona infiziert wurden. Also macht er das einzig Richtige und bleibt zwei Wochen in Quarantäne zu Hause.

Tim ist einer von Tausenden Kreativschaffenden in Berlin, für die Corona zur Vollbremsung wird. Clubs, Kinos, Konzerthäuser, Theater, Bars, Cafés, Restaurants – alle dicht. Das komplette kulturelle Leben, so wie wir es kennen, eingestellt. Abgesagte Proben, Ausfall von Musikunterricht, gecancelte Veranstaltungen. Was bedeutet das eigentlich für die Leute, die davon leben? Was machen die jetzt? Und was macht das mit Berlin? Was macht es mit uns, wenn plötzlich alles ruhiger, weniger und langsamer wird?

"Sorry Punks" SO36 geschlossen; © Stefanie Groth
Bild: Stefanie Groth

Die Letzten machen das Licht aus

Einer Umfrage vom Landesmusikrat Berlin zufolge haben 97 % der Musikschaffenden jetzt Einnahmeausfälle. Also eigentlich alle. Und mehr als die Hälfte gibt an, akut in ihrer Existenz bedroht zu sein. Clubs und Veranstaltungshallen kämpfen in Berlin sowieso schon mit hohen Gewerbemieten und hangeln sich oft von Monat zu Monat. Manche von Veranstaltung zu Veranstaltung.

"Wir kennen das von den ganzen Clubs, in denen wir spielen", sagt Sebastian Studnitzky, Jazzmusiker und Mitorganisator des Xjazz Festivals. "Das ist auf Kante genäht. Das sind keine Goldquellen. Das machen Leute, die das enthusiastisch machen, gerade so hinkriegen und über Jahre etabliert haben. Die können sich keinen schwachen Samstag leisten. Die machen unter der Woche Kunst und am Samstag machen sie Party, und wenn die ausfällt, dann ist da sofort das Licht aus", erklärt er.

Das Licht ist auch seit einer Woche im SO36 aus. Die Absage kam plötzlich. "Hier steht alles wie wir es für 'Slime' aufgebaut hatten. Wir waren vergangenen Freitag an einem Punkt, wo keiner wusste was passiert, wie der Senat entscheiden wird. Es stand alles bereit, dass 'Slime' hier die Hütte rocken können", erzählt Nanette, die seit mehr als zwölf Jahren im SO36 arbeitet. Statt der Punkband "Slime" kam die Ansage vom Senat, dass keine Veranstaltungen mehr mit mehr als 500 Menschen genehmigt werden. Tags drauf sogar das Verbot für Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen.

Auch im SO36 sind jetzt alle regulären Veranstaltungen abgesagt. "Touren und Konzerte versuchen wir zu verschieben. Aber man weiß halt auch nicht, ab wann wir Ausweichtermine vergeben können! Und es drängen jetzt schon alle auf die Herbsttermine", so Nanette. Auch das Xjazz Festival wurde abgesagt und komplett um ein Jahr verschoben. Keine Gage für Bands und Organisatoren also, sowie alle anderen, die an dem Veranstaltungsapparat hängen – bis hin zu Lieferanten, Gastronomie und Hotelerie.

Tonia Merz in ihrer Werkstatt; © Stefanie Groth
Bild: Stefanie Groth

Nicht kleckern, sondern klotzen

Auch die Modedesignerin Tonia Merz bekommt den Auftragseinbruch durch Corona schon jetzt zu spüren. An jedem anderen Tag wäre in ihrem Atelier das geschäftige Rattern von Nähmaschinen zu hören. Zusammen mit fünf Mitarbeiter*innen fertigt sie maßgeschneiderte Korsetts an, auch für Theater- und Opernkunden, bei denen nun alles pausiert. Ihr Geschäft ist darauf ausgelegt, dass die Kunden persönlich vorbeikommen und genau Maß genommen wird. Mal eben auf digitale Mittel und Wege zurückgreifen geht nicht und widerspricht ihrer Firmenphilosophie.

Als Tonia Merz dann vor einer Woche in der Pressekonferenz von Peter Altmaier und Olaf Scholz von Rettungspaketen hört, geht sie im Kopf ihren Freundeskreis durch – die meisten sind selbstständig. "Ich habe Existenzangst bekommen, mich gefragt, wie schaffe ich es, dass die wenigen Rücklagen, die ich habe, dass die nicht sofort weg sind", beschreibt sie ihre Gedanken. Sie fackelt nicht lange, setzt sich an ihren Computer und startet eine Onlinepetition: "Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen durch die Coronakrise". 385.000 Menschen (Stand: 24. März 2020, 14.00 Uhr) haben bisher unterschrieben. Die Idee: Alle bekommen sechs Monate pro Person ein bedingungsloses Grundeinkommen von rund 1.000 Euro.

Tonia Merz ist sich sicher, dass das den sozialen Absturz Tausender verhindern würde. Dabei geht es ihr nicht nur um Kreativschaffende. "Es betrifft mein Nagelstudio um die Ecke, genauso wie alleinerziehende Mütter, Studenten. So viele Menschen! Keiner umkreist, wie krass das in der gesamten Bevölkerung vertreten ist. Grundsätzlich merke ich, dass Leute die angestellt sind, sich keinerlei Gedanken machen darum für was man alles sorgt, wieviel Abgaben man hat, für was man alles selbst zahlt", so Merz. Sie wird jetzt für ihre Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen.

United we stream - leere Tanzfläche; © Stefanie Groth
Bild: Stefanie Groth

Tanzen im Wohnzimmer

Auch im SO36 haben sie das schon getan. Und außerdem zu einer Spendenaktion aufgerufen. Nanette erklärt: "Wir können ja rechnen. Mit dem, was wir jetzt haben und noch zusammenkratzen können, halten wir sechs Wochen durch. Und der Spendenaufruf hat einen tollen Rücklauf. Die Solidarität ist riesig, wir freuen uns. Aber die Leute können uns ja auch nicht unbegrenzt Geld geben. Das brauchen die selbst."

Kollegin Lilo sorgt sich um die gesamte kulturelle Infrastruktur: "Berlin ist keine reiche Stadt. Viele, die hier arbeiten, sind nicht besonders gut bezahlt im kulturellen und sozialen Bereich. Wir haben keinen guten Puffer, die Mietensituation ist eh angespannt ... Die Frage ist, ob sich die Subkultur, die davon lebt, dass man viel mit Engagement macht, retten kann?"

Die Berliner Clubcommission hat sofort reagiert und versucht sich selbst zu helfen. Nach der Clubschließung haben sie innerhalb von nur vier Tagen mit "United We Stream" eine Streaming-Plattform ins Leben gerufen, auf der jeden Abend ab 19 Uhr DJ-Sets, Konzerte und andere Performances live aus (leeren) Berliner Clubs übertragen werden, direkt ins Wohnzimmer der Leute. "Wenn schon allein feiern, dann richtig", so das Motto. Für dieses Angebot kann man spenden und so dazu beitragen die Clubs vor dem drohenden Aus zu retten. Zudem fließen acht Prozent von den Spendengeldern in die Zivile Seenotrettung, um auch jenen zu helfen, "denen es noch viel schlechter geht", wie es von den Organisatoren heißt.

Ich weiß nicht, wie das finanziell funktionieren soll. Streamen zahlt keine Miete.

DJ Curses

Einer der in diesem Rahmen schon aufgelegt hat ist der New Yorker DJ, und Wahl-Berliner, "Curses". "Es war echt seltsam, surreal in diesem leeren Club aufzulegen. Als DJ lebst du von der Energie der Menschenmenge. Es ist toll, dass es diese Möglichkeit gibt jetzt Kultur zu erleben. Aber ich weiß nicht, wie das finanziell funktionieren soll. Streamen zahlt keine Miete." Ich erwische Curses im Probenraum, wo er gerade sein neues Album aufnimmt, das eigentlich im Sommer erscheinen sollte. Da er gerade nicht touren kann, wird alles verschoben. Ein paar Monate ist er abgesichert, sagt er. Danach wird es eng:

"Alle meine Shows sind abgesagt. Was soll man machen. Aber ich glaube, gerade zeigt sich die wahre Seite der Leute, positiv wie negativ. In meinem Umfeld sind alle positiv eingestellt, helfen sich gegenseitig. Dann gibt es die Schattenseiten. Rassismus, ignorante Politiker. Zugleich brauchten wir diesen Nullpunkt als Gesellschaft. Um zu erkennen, wie unverhältnismäßig alles ist."

Kunst findet immer ihren Weg

Auch Matti Cordewinus musste wegen den Einschränkungen, die mit der Corona-Krise einhergehen, alle Pläne absagen. Eigentlich wäre er mit seinem Dokumentarfilm "Grenzgebiet" deutschlandweit durch die Programmkinos getourt. Monatelange Vorbereitung – und nun liegt alles auf Eis. Er nutzt die Zeit, um sich in andere, neue Projekte zu stürzen. Finanziell wird es auch für ihn kein Spaziergang werden. Was seine Kinotour betrifft, geht er davon aus, dass aufgeschoben nicht aufgehoben ist. Und doch macht er sich Gedanken, ob die Kinos, die seinen Film zeigen wollten, dann überhaupt noch existieren:

"Ich kann mir vorstellen, dass von den 27 Kinos, die den Film jetzt eigentlich zeigen wollten, dass sechs dann nicht mehr da sind, Ende des Sommers. Bei vielen kleinen Programmkinos, da merkst du, das ist Liebhaberei das aufrecht zu erhalten, wenn da fünf Monate im Ernstfall keiner hingeht, ist das vorbei." Um die subkulturelle Szene an sich macht er sich trotzdem wenig Sorgen: "Kunst die wirklich dringend ist, die findet ihren Weg sich zu zeigen. Und wenn das alles vorbei ist, im Juli oder wann, dann wird 'ne riesige Party gefeiert, dann haben die Leute richtig Bock auf alles wieder. Ich freue mich auf den kulturellen Output nach Corona."

Stefanie Groth, rbbKultur

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