Hermann's Eatery; © Jan Vu
Bild: Jan Vu

Restaurantkritik - "Hermann's Eatery"

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In "Hermann's Eatery" drücken Ambiente und Küche einen Hang zu Jugend und Frische aus. So sind die Pommes frites hier nicht aus Kartoffeln, sondern aus einer Art Kichererbsen-Polenta. Man versteht sich schließlich auch als "Probierwerkstatt".

Ein Teller verweist immer auf einen anderen Raum als den, in dem der Speisende sitzt. Im Parterre eines Neubaus am Rosenthaler Platz wirkt der Kontrast zwischen Darstellungsraum und Ambiente jedoch nicht allzu ausgeprägt. Fast das Gegenteil ist der Fall. Cum grano salis könnte man sogar von einer Fortsetzung des Innendesigns auf dem Porzellan sprechen. Beide drücken einen Hang zu unbedingter Modernität aus, zu Jugend und Frische und auch zu gewissen Winkelzügen, die wohl den Gast aus der Bahn des Gewohnten bringen sollen.

Dies entstammt offenbar dem Willen, vieles – wenn nicht alles – etwas anders zu machen. Gleich sympathisch daran ist, dass der Lebensmittelhumor nicht zu kurz kommt. Auch das Personal agiert mit Schwung und lässt die Arroganz vergleichbarer Hipster-Kantinen vermissen. Cool ist hier nur die kalte Küche.

Helles Holz, grauer Betonfußboden

Während das sachlich gehaltene Interieur mit weißem Putz, hellem Holz und einem grauen Betonfußboden einem Aufkommen von heimatlicher Gemütlichkeit entgegenwirkt, zieht das Geschehen hinter der großen Theke und der offenen Küche umso mehr die Blicke auf sich – falls man den Ort nicht gleich als Workplace versteht und mit dem Computerbildschirm Zwiesprache hält.

Tatsächlich gibt es in der Tiefe des Raums noch séparéeartige Kojen, in denen Besprechungen oder kleinere Seminare abgehalten werden könnten. Eine davon ist chic verpackten Lebensmitteln vorbehalten, unter denen einige dem Hanf geweiht sind. Immerhin schafft es die Küche zwischendurch, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Allerdings anders als ein programmatischer Text eingangs der Karte vermuten lässt:

"Wir haben dieses Restaurant mit der Mission gegründet, für unsere Gäste Essen zuzubereiten", heißt es dort, "das nicht nur lecker, sondern auch wirklich nahrhaft und nachhaltig ist."

Pudding auf Abwegen

Statt Sendungsbewusstsein zu verströmen, verursacht die beige gefärbte Blumenkohlsuppe mit "würzigem Samenmix" erst einmal Heiterkeit. Das liegt einmal an der Konsistenz von Babybrei, zum anderen aber auch daran, dass man die Löffelspeise auch mit der Gabel zu sich nehmen kann. Geschmacklich weckt dieser Pudding auf Abwegen durchaus Interesse. Man spürt Noten von geröstetem Kohl, von Strunk in der fluffigen Glätte – und sogar eine Ahnung vom Grün der Blatthülle.

Die Klänge von Kokosmilch und Apfelessig treten leise hinzu. Laut dagegen sind die knackig gerösteten Sonnenblumenkerne zu nennen, deren Oberfläche mit einem Film aus Paprika- und Chilipulver überzogen wurde. Das wie ein Burger-Patty geformte Brot hätte auch ein solches Coating vertragen können. Es scheint nicht ganz zu Ende gebacken worden sein, und so zergeht die Krume im Mund wie eine Dampfnudel.

Auch "Eingelegtes (fermentiert)" hat etwas Halbgares an sich. Denn die chilirötlich gefärbten Krautstreifen, hier und da mit gezupftem Salat untermischt, bilden bloß ein unentschiedenes Mittelding zwischen koreanischem Kimchi und Rohkost.

Hermann's Eatery; © Jan Vu
Bild: Jan Vu

Lediglich eine Dekoidee

Aber man versteht sich auch als "Probierwerkstatt um herauszufinden, wie Lebensmittel eine gute Zukunft haben können". Wie bereits das Design des "Jackfruit Burger im Aktivkohle-Dinkel-Brötchen" zu erkennen gibt, haben die Inhaberinnen Laura und Verena dem Besucher die Rolle des Versuchskaninchens zugedacht.

Während die Tintenschwärze des ansonsten harmlosen Brötchens lediglich eine Dekoidee bleibt, tritt die wie Pulled Pork wirkende Jackfruitschicht, über die mayonnaisiger Coleslaw gebreitet wurde, kaum aromatisch in Erscheinung. Lediglich Säure hat ihren Auftritt, einen störenden obendrein, so dass man dieses vegane Experiment schließlich als gescheitert betrachten muss. Sowieso fehlt das herzhafte Element, das zu einem Burger nun einmal gehört.

Diesen Part übernehmen die Pommes frites. Auch sie huldigen der Andersartigkeit. Statt aus Kartoffeln, bestehen sie aus einer Art Kichererbsen-Polenta, die als Stäbchen frittiert wurden. Das besitzt seinen Reiz, zumal der Cashew-Chili-Dip eine angenehme Alternative zu Ketchup darstellt. Demgegenüber verblüfft die makellose Kabeljau-Tranche mit grünem und weißem Spargel (teilweise geröstet), Kräuteröl, reichlich Dill und Kerbel sowie durch seine fast demonstrative Normalität.

Akzente wie die hausgemachten Zitronatstückchen und mit Knoblauch odorierten Spargelscheibchen verschieben diesen Befund nicht, sprechen aber für die Findigkeit der Küche.

Das gilt auch für die Erzeugnisse der sogenannten Bakery. Den Zitronen-Beeren-Financier kann man in seiner Madeleinehaftigkeit durchaus als Klassiker ansprechen – und man würde dies auch vom lauwarmen Karmutmehl-Brownie sagen können, wenn dort etwas mehr Schokoladen-Couvertüre zum Einsatz käme. Der verwendete Kakao besitzt nämlich keine geschmackliche Länge, die mit der Dichte des feuchten Teiges korrespondiert. Immerhin aber gelingt es dem Hermann's, seine kulinarischen Illusionistik in den Realraum zu integrieren.

Thomas Platt, kulturradio  

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