Spentzas: Notizen zur Gastrokritik von Thomas Platt
Notizen zur Gastrokritik | Bild: Thomas Platt

Geschmackssache - Spentzas

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Nun hat die Zeit begonnen, in der Restaurantbesuche unter Wetteraspekten geplant werden. Dabei geht es nicht immer nur um Gärten und Terrassen, sondern auch um Speisen, die für Sommertage konzipiert wurden.

Auch das junge Restaurant "Spentzas" verfügt über eine Terrasse, eine ausladende sogar. Von diesem Podium zu Füßen einer schmucklosen Wohnanlage aus den sechziger Jahren kann man sowohl die Verschlafenheit des Bayerischen Viertels als auch den tagsüber brausenden Verkehr eines Generalszugs goutieren.

Doch die dort servierte griechische Küche ficht das nicht an; sie ist in besonderer Weise mediterran und verbindet levantinische Einflüsse mit originär griechischen sowie italienischen, im besonderen venezianischen.

Dem Rustikalen den Stachel nehmen

Diesen Stilmix verkörpert Moussakas (mit 13,50 Euro wäre die preisliche Obergrenze fast erreicht, die Vorspeisen bewegen sich zwischen 3 und 8,50 Euro). Dem Auflauf aus Hackfleisch, Zucchini, Auberginen, Kartoffeln und Tomatensoße, überbacken mit Béchamel, wird im Spentzas das Brutale und Lokale genommen, mit denen die durchschnittliche Taverne Authentizität vorzugaukeln trachtet.

Das geht aber eben auch zu Lasten des Auberginenanteils, weil sich die Fruchtscheiben in der Pfanne rasch mit Öl vollsaugen, und auch der Röstnoten. Denn das Fundament aus Kartoffeln wurde nicht rösch gebraten.

Auch die mit Käse überbackene geschmorte Lammhaxe in Tomaten-Weißweinsoße mit Reisnudeln spiegelt das Bemühen, dem Rustikalen den Stachel zu nehmen. Bei der nicht überbackenen Version namens Exochiko gelingt das überzeugender.

Frisch, um nicht zu sagen jung

Oft sind es aber die Kleinigkeiten, die großen Charme offenbaren. Das ist bei der griechischen Mythologie nicht anders als in der griechischen Küche (einen Überblick verschafft die gemischte Vorspeisenplatte zu 7,50 Euro).

Favis Kritis heißt das Saubohnenpüree mit roten Zwiebeln, Petersilie und einem Olivenöl, das für griechische Verhältnisse etwas Untypisches an sich hat. Schließlich verströmt es eine grasige Frische, die der rustikalen Paste einen beinahe schon nonchalanten Anstrich gibt.

Noch besser kommt der leicht herbe Saft der mediterranen Steinfrucht aus dem kretischen Sitia auf Patzsaria zur Geltung. Dass ihre Süße der roten Beten lediglich vorsichtig von Knoblauch unterstrichen wird, erweist ein weiteres Mal, dass die bisweilen zu furchterregender Autorität sich aufwerfenden Signalgewürze der Ägäis ausgesprochen vorsichtig verwendet werden und eben auch frisch, um nicht zu sagen jung.

Traditionsgerichte

Auch der Tzatziki profitiert davon. Im übrigen ist der Gurkenanteil des allgegenwärtigen Joghurts so fein gehobelt, dass eine vom üblichen leicht abweichender aromatischer Eindruck entsteht.

Beim Skordalia, dem hier nur dezent herzhaften Kartoffel-Knoblauch-Püree, war der Koch mit viel frischer Petersilie zu Stelle, um der Monotonie Einhalt zu gebieten. Ganz gelingt es ihm nicht. Man sollte nicht vergessen, dass derartige Traditionsgerichte ursprünglich Menschen zu sättigen hatten, die schwere Landarbeit verrichteten. 

Nostalgie

Bereits der Anblick der Tiropitakia gibt zu verstehen, dass die Küche sich nicht in ihrer grundsätzlichen Ländlichkeit suhlen möchte. Die populären Blätterteigtaschen mit Schafskäse sind zu knusprigen Dreiecken geformt, die neben ihrer Anmut noch eine ansprechende Teig-Füllung-Balance besitzen. Dazu passt, dass der Frischkäse von Petersilie gelockert wird.

Wie Croquetten treten die wiederum milden Zucchinibällchen Kolokithokeftedes mit Schafskäse und Minze auf.

Diese Küche verspürt naturgemäß nicht den geringsten Drang, etwas Neues hervorzubringen, im Gegenteil, sie pflegt viel eher die Nostalgie. Dieses besondere Art von Heimweh kann Bilder (nicht nur an der Wand) heraufrufen, in denen das Licht grell scheint wie Tzaziki und der Schatten finster ist wie eine Aubergine.

Von gestern jedoch ist dieses sympathische Lokal keineswegs.

Thomas Platt, rbbKultur

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