Kichererbse, Salzzitrone, Zwiebel - im Bonvinant
Bild: bonvinant.berlin

Restaurantkritik - Bonvivant

Bewertung:

Menüs mit vielen Gängen, wie im Restaurant, sind heute nicht mehr so beliebt. Viele bestellen lieber verschiedene kleine Gerichte, die sie mit anderen teilen, und gepflegte Drinks. "Bistronomie" heißt dieser Trend, der anspruchsvolle Gastronomie mit informellem Ambiente und moderaten Preisen verbindet. Dem hat sich das Schöneberger Cocktail-Bistro "Bonvivant" angeschlossen, mit Fokus auf vegetarische und vegane Gerichte.

Wer um das gekachelte Eckhaus an der Kreuzung Goltzstrasse/ Pallasstraße in Berlin-Schöneberg biegt, kann das neue Lokal nicht übersehen. Durch die großen Glasfenster fällt der große, warm beleuchtete Raum auf.

Eher eine Cocktailbar als ein Restaurant, mutet das "Bonvivant" dennoch fast gemütlich an, geschmackvoll und dennoch lässig gestaltet. Ein junges Team kümmert sich rührig um die Gäste und erklärt im Detail die kurze und etwas lakonische Karte.

Neben Bier und Naturweinen stehen Aperitifs, Cocktails und Limonaden zur Auswahl, gemixt von Yvonne Rahm, der Barfrau, die letztes Jahr zum "World Class Bartender Germany 2018" gewählt wurde. Als erste Frau in Deutschland.

Die Empfehlung, jedes kleine Gericht mit dem empfohlenen Cocktail zu begleiten, verunsichert uns etwas: Bei zwei Gerichten und einem Dessert pro Person könnte der Abend doch zu beschwingt werden. Wir fangen mit belgischem Bier an und bestellen erst zu den Gerichten Cocktails.

Korrekter, als die Öko-Polizei erlaubt

Diese sind allesamt vegetarisch oder vegan. Die Begeisterung, die hinter dieser Art Küche zu spüren ist, wirkt aber alles andere als spartanisch.

Die Zutaten, meist bio, regional und saisonal, stammen zum Teil aus dem Garten von Küchenchef Ottmar Pohl-Hoffbauer - in Berlin seit Jahren wegen seines Engagements in Sachen Bio-Küche bekannt.

Kleine Gemüsegerichte spannend zu gestalten, ohne Beihilfe von Fleisch- oder Fisch, ist nicht einfach. Im "Bonvivant" werden dafür Kräuter und essbare Blüten eingesetzt, Pilze, Tupfer von verschiedenen Saucen oder Reduktionen und knusprige Akzente, um auf dem Teller eine Vielfalt von Aromen und Konsistenzen zu erzeugen.

Der Blumenkohl, in eine reichhaltigen, sehr butterhaltigen Sauce Béarnaise gebettet, mit einem nussigen Crumble und Anis-Ysop-Blättern dekoriert, war samtweich und mild, aber viel zu cremig und sättigend, zumal die Portion gar nicht so klein war.

Der empfohlene Cocktail dazu, mit Kamille, weißem Rhum, Scotch, Zitrone und Honig, brachte eine leichte, säuerliche Note ein.

Deutsche Linse mit Fenchel, Ananas und Anis im Bonvinant
Deutsche Linsen mit Fenchel, Ananas und Anis | Bild: bonvinant.berlin

Liebeserklärung an Kräuter und Gemüse

"Artischocken aus Brandenburg" waren im entsprechenden Gericht nur sparsam vertreten, in Form von zwei oder drei Stückchen: Wahrscheinlich gedeihen sie in unserem Breitengrad doch nicht so gut. Auf dem Teller ragten hingegen Shitake und verschiedene Sorten Kräuterseitlinge, auf Parmesan-Risotto verteilt und mit großblättriger Gartenmelde drapiert.

Das dritte Gericht war Aubergine, butterweich gebraten, mit japanischer Ponzu-Sauce gewürzt, mit Scheiben von eingelegten Gürkchen, Tupfern einer Mayonnaise aus Seidentofu und mit Gewürztagetes dekoriert.

Die drei liebevoll zubereiteten Gerichte waren angenehm und ansprechend komponiert, boten aber trotzdem geschmacklich keine wirklichen Überraschungen.

So auch die Drinks, oft Abwandlungen von bekannten Cocktails, zusätzlich mit Gewürzen, Kräutern und Aromen angereichert, ohne jedoch, dass diese gegenüber den herkömmlichen Versionen einen geschmacklichen Quantensprung aufweisen würden. Beim Swedish Mule, der hiesigen Variante des Moskow Mule, mit Wodka, Limette, geräuchertem Pfeffer und einem Spritzer Estragongeist, war anstelle der üblichen Gurkenscheibe eine kleine saure Gurke im Glas. Ihr penetranter Essiggeschmack hat den sonst hervorragenden Cocktail eher verschlimmbessert.

Dennoch hinterlässt der Besuch im "Bonvivant" den Eindruck, jeder Cocktail und jedes Gericht sei eine Art Liebeserklärung an die weite, eher vernachlässigte Welt der Kräuter und der Gemüsesorten. Diese werden hier mit Überzeugung in den Mittelpunkt gerückt, und dieser wenn auch nicht immer schlüssige Experimentiergeist macht neugierig auf mehr.

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

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