Cookies & Co
Bild: Cookies & Co

Geschmackssache - Cookies & Co

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Was ist das hier eigentlich? Eine Lounge, ein Wohnzimmer, eine Kindertagesstätte, ein Café mit Familienanschluss, ein Showroom, eine Kantine oder ein Bistro? Vielleicht sogar ein Restaurant? Selten beantworten sich viele Fragen so eindeutig wie an einem Ort, der in einem Teil des Prenzlauer Bergs Logis bezogen hat, der noch nicht vom touristischen Trubel erfasst wurde: Alles trifft irgendwie zu – und geht doch an der Sache vorbei.

Die breite Magistrale der Danziger Straße dichtet das Viertel nach Süden gegen die Ausläufer des Kollwitzplatzes ab und die erklärte Seitenstraßen-Lage des Lokals mit dem harmlosen Namen trägt ebenfalls zur Beruhigung bei.

Der Service ist fröhlich und für diese Gefilde überraschend kompetent. An den Tischen vor der Türe wird nicht geraucht, obwohl es erlaubt wäre.

The Great Russian Brunch

Aufregend bleibt es aber trotzdem. Nur dass sich das, was Staunen hervorruft und Behagen, weitgehend auf dem Teller abspielt – oder besser gesagt auf vielen kleinen Tellerchen und Tiegeln.

Sie bergen das, was man gewöhnlich als Tapas bezeichnet. Allerdings heißen sie hier "The Great Russian Brunch". Er wird am ehesten sinnfällig durch leicht mit Zitrone angespitzte Russische Eier, säuerliches, mit Melasse versetztes Roggen-Schwarzbrot (hier auf halbem Weg zum Pumpernickel – und das im Rang einer frugalen Delikatesse) und rote Betewürfelchen, deren erdige Art von Apfel, Dill und einem Tick Mayonnaise Finesse bezieht.

Sinn für guten Einkauf und für Proportion

Die Inhaber Mira Koretzky aus Moskau und Ori Kidron aus Tel Aviv haben dafür Sorge getragen, dass ihre kulinarischen Miniaturen nicht ins Klischee abrutschen.

Gleichermaßen Sinn für guten Einkauf und für Proportion gibt der Räucherlachs mit Lachsrogen und ukrainischem Smetana-Rahm in einem Eclair zu erkennen und ebenso die gepickelten Champignons mit fluffigem Blini sowie der Gemüsesalat mit Walnuss, der durch russischen Frischkäse Bindung und Volumen erhält. Letzterer ist fetter und auch ein wenig trockener als der hierzulande übliche.

Vergleichbares kann man auch vom Kartoffelsalat sagen, dessen natürliches Sortenaroma von getrocknetem Sprottenrogen gleichsam auf ein Podest gehoben wird. Wem sardischer Bottarga bekannt ist, dürfte wissen, wie stark dieser Effekt ausfallen kann.

Unlogisches Mirakel das Sucht verursacht

Die Pelmeni werden aus Brandteig hergestellt. Eine überraschende Note erfährt die russische Version der Maultasche jedoch nicht durch eine bemerkenswerte Dill-Knoblauch-Nussbutter, sondern von der Füllung. Sie besteht aus dem "Fleisch" der veganen Burger Patties von Beyond Meat. Diese Füllung führt vor, dass die Masse aus Erbsenprotein den meisten Fleischfüllungen überlegen sein dürfte. Von der moralischen Dimension ganz zu schweigen.

Wenn es stimmt, dass sich erst mit dem Widerstand gegen eine Speise ihre Logik enthüllt, so bleibt das aufrecht stehende Brioche sowie die Schokoladen-Cookies von Mira eben ein unlogisches Mirakel. Eines, das Sucht verursachen kann.

Manifest der Offenen Gesellschaft

Wenn man von diesen konzeptionell und in der handwerklichen Ausführung anspruchsvollen Zubereitungen, dem Ambiente einen zweiten Blick gewährt, so fällt auf, dass dort tatsächlich nichts zusammengewürfelt wurde oder gar mutwillig zusammen gezwungen.

Eher handelt es sich um ein aus besten Zutaten gefügtes Manifest der Offenen Gesellschaft.

Thomas Platt, rbbKultur

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