Hirsch und Hase © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Geschmackssache - "Hirsch und Hase"

Bewertung:

Schottische Küche genießt nicht den besten Ruf: Sie gilt als deftig und gewöhnungsbedürftig. Umso neugieriger macht, dass vor einiger Zeit in Berlin Wedding ein schottischer Pub eröffnet hat.

Das sympathische und lebhafte Lokal im Glaspavillon an der U-Bahn-Station Voltastrasse nennt sich allerdings "Gastropub": statt sättigender Hausmannskost wie in Schottlands Bierlokalen gibt es dort kleine und raffinierte Gerichte mit schottischem Touch zu ungewöhnlich moderaten Preisen.

"Hirsch und Hase" klingt zwar ein bisschen nach rustikalem Lokal mit Wildgerichten, ist aber nur ein gewitzter Phantasiename. Deftige Winterspezialitäten in XXL-Portion findet man hier nicht. Der Koch, ein junger Mann aus Schottland, hat lange in der gehobenen Gastronomie gearbeitet und bietet eher gepflegte Gerichte an, in denen er die schottische Küche modern interpretiert.

Also keine traditionelle und sättigende Pubküche, sondern "Side Dishes", kleine und feine Gerichte, von denen die Gäste mehrere bestellen und miteinander teilen können. Diese kosten in der Regel jeweils 5 Euro, sind aber nicht so klein wie Tapas: drei pro Person sind schon fast zu viel. Auf der Tageskarte gibt es allerdings auch einige Hauptgerichte.

Traditionelles im modernen Gewand

Haggies, der Klassiker der schottischen Küche schlechthin, mussten wir unbedingt bestellen. Dazu gehören normalerweise gehackte Schafsinnereien, die mit Pfeffer, Zwiebeln und Hafermehl vermischt, im Schafsmagen gegart werden, ähnlich wie Saumagen.

Hier kommen Haggies aber als raffinierte Delikatesse auf den Tisch: drei panierte und knusprig gebackene Bonbons, innen weich und delikat mit Zimt und Nelken gewürzt, werden elegant auf dem Schieferbrett serviert, mit Tupfern von Pflaumenmousse und Rübenpüree und hausgemachten Kartoffelchips. Wer Blutwurst der besseren Qualität mag, kommt auf seinen Geschmack. Ein geschmackliches Highlight war der Rosenkohl in Whiskybutter, bissfest mit Chorizo angebraten.

Mal schmackhaft, mal zu mild

Gut war auch der zarte, aber knusprig frittierte Tintenfisch mit Tatarensauce; die Topinambur-Chips, gefüllt mit viel zu mildem frischem Ziegenkäse und auf Graupenbett serviert, waren wiederum zwar ansprechend, aber geschmacklich etwas blass. Etwas sperrig zum Schneiden und Teilen war das Spitzkohlgericht: einfach ein Viertel des Kohlkopfes, gedämpft und gegrillt am Stück, den Rostaromen zuliebe sogar etwas verkokelt.

Dennoch war das Gemüse etwas fade im Geschmack, zumal die Vinaigrette mit Kapern und Rosinen kaum zu vernehmen war. Cranachan, der ultimative schottische Nachtisch, mit Schlagsahne, Whisky, Honig, roten Beeren und gerösteten Haferflocken im Glas, war dafür ein unkomplizierter, aber perfekter Abschluss.

Gelassene Stimmung, noch vor Brexit-Wahl

Selbst bei den etwas gemischten Eindrücken fanden wir das Essen ansprechend und unterhaltsam, und erstaunlicherweise sehr günstig für die angebotene Qualität. Das gilt auch für die Getränke, ob Bier oder Whisky Sour. Unterhaltsam und ungewöhnlich ist auch das Lokal, das sich in einem Pavillon auf dem breiten Bürgersteig direkt an der U-Bahn-Station Voltastrasse befindet.

Der Tresen steht in der Mitte, drum herum sind Hocker, wie im echten Pub, aber man kann auch bequem an den Fenstern sitzen. Die Musik ist etwas laut, dafür aber sehr gut ausgewählt, das Publikum sehr gemischt und die Atmosphäre angenehm, passend wie zu einem echten Pub. Ob die Stimmung nach dem Wahlergebnis noch so gelassen bleiben wird, das wird man sehen.

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

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