Cantina Bar Tausend @ Marc.RB Photography
Bild: tausendberlin.com / Marc.RB Photography

Geschmackssache - Cantina in der Bar Tausend

Bewertung:

In vielen Metropolen rücken Restaurant und Bar enger zusammen. Das hat prinzipiell mit großstädtischem Leben zu tun, in dem Lebensentwürfe und Berufs- und Freizeitkonzepte beständig konvergieren, einander ergänzen und sich gegenseitig durchdringen.

Im besonderen aber sind die Gäste beider Institutionen oftmals dieselben, so dass ihre Zusammenführung an einem Ort willkommen ist. Inzwischen kann man ganze Menüs an der Theke verzehren und ausgefallene Cocktail-Kreationen an festlich eingedeckten Tischen trinken, denen sonst die Aufmerksamkeit eines Weinkellners gilt.

Neigung zu kulinarischem Kitsch

An einem versteckten Ort im Zentrum der Hauptstadt koexistieren Barbetrieb, feine Küche, Livemusik und Tanz, als sei das schon immer so gewesen. Zusammen kommen die gastronomischen Genres in zwei gewölbten, modern eingerichteten Räumen am nördlichen Spreeufer, direkt unter der S-Bahntrasse am Bahnhof Friedrichstraße. Während vorne die soft skills erprobt werden, befindet sich hinteren Teil ein weitaus ruhigerer Speisebereich mit einem Küchengeviert in seiner Mitte, das auch als Theke benutzt werden kann.

Unablässig arbeitet dort Küchenchef Octavio Osés Bravo mit seinem kleinen Team. Zubereiten und Anrichten der insgesamt fünf Vorspeisen, vier Hauptgerichte und drei Desserts (Preise zwischen 9 und 29 Euro) sind ein fließender Vorgang, der große Konzentration verlangt. Die teilt sich den Gerichten durchaus mit. Allesamt besitzen sie eine originelle Note und sind, was technische Belange betrifft, absolut einwandfrei. Was jedoch auffällt, ist die nicht zu übersehende Neigung zum kulinarischen Kitsch.

Schön abgerundetes Geschmacksbild

Bei der einleitenden "Bete -V-" (hier mit drei "e" auf der Karte stehend) bildet das Gemüse mit Chicorée und einer Art Walnusskrokant ein schön abgerundetes Geschmacksbild. Die weissen Hobel vom gefrorenen Feta und Granatapfel lenken nicht nur davon ab, nein, sie wirken auch wie eine Erfahrung aus zweiter Hand. Auch in der gelungenen Wirsing-Garnelen-Kombination mit Chili, Knoblauch und Limettenpulver, die in einer Food-Box serviert wird, stören die Radieschen nicht bloß, sie haben auch etwas Unechtes an sich, zumal man sie erst spät identifiziert. Und auf dem köstlichen gerösteten Blumenkohl in Beurre blanc und fermentierter Zitrone, wieder ein starker Dreiklang, wirken die Mandeln – früher Symbol für Wert – wie Katzengold.

Interessante Kompositionen

Ob es der Oktopus ist, der sich von einem Kartoffelpüree begleiten lassen muss, das – allzu naheliegend und redundanter Kitsch sowieso – mit Sepiatinte eingefärbt wurde (dazu noch Tintenspritzer als Deko) oder ein mit Knoblauch, Orangenzeste und Thymian aromatisiertes Entrecôte, das auch noch Schmorgericht sein will: Auch bei diesen interessanten Kompositionen wird etwas über die Zutaten Hinausgehendes, Bedeutungsvolles prätendiert. Dass es hohl ist, zeigt sich auch beim süßen Abschluss. Denn Olivenöl-Eis zu Mandelkuchen mit Sumac-Baiser und Minzelee gehört zu jenen Phänomenen, die schon bei der Avantgarde von gestern nicht funktioniert haben.

Thomas Platt, rbbKultur

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