1990 – aus dem Skizzenbuch des Rezensenten; © Thomas Platt
Thomas Platt
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Geschmackssache - "1990 Vegan living"

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Sein erster Vegetarier war weltberühmt: Als Kochlegende Hans-Peter Wodarz dem Beatles-Gitarristen George Harrison in seinem Münchner Restaurant "Ente vom Lehel" einst das Menü vorstellte, teilte ihm der Musiker mit, dass er sich vegetarisch ernähre. Davon hatte der Sternekoch noch nie gehört ...

Als Hans-Peter Wodarz seine Küchencrew fragte, was denn vegetarisch überhaupt sei, antwortete einer: "Gemüse, Gemüse, Gemüse". Heute kann Wodarz, der seit Jahren begeisterter Berliner ist, in seiner neuen Heimat nicht nur unter zahlreichen Restaurants auswählen, die auf Fleisch verzichten, sondern auch ganz auf tierische Produkte.

Mit dem Tönnies-Skandal hat das Thema neue Aktualität bekommen und mit ihr rücken auch die riesigen Tierfabriken in den Blick, deren Erzeugnisse man als Folterfleisch bezeichnen kann. Auch die moderne Milch- und Eierproduktion hat Methoden entwickelt, die abstoßend und verwerflich sind. Das spricht alles für die vegane Ernährungsweise, die jedoch ihrerseits zu Mangelerscheinungen führen kann.

Kein Gedanke an Fleisch

Zumindest was den kulinarischen Mangel betrifft, so begegnet man ihm in einem Eckrestaurant am Boxhagener Platz nicht. Im Gegenteil: Während man die vielen Happen im "1990 Vegan living", aus denen sich mühelos ganze Menüs zusammenstellen lassen, mit wachsendem Behagen verzehrt, kommt einem der Gedanke an Fleisch gar nicht erst in den Sinn.

Weil es sich um ein asiatisches, in erster Linie vietnamesisches Restaurant handelt, existiert ein Hintergrund aus reicher vegetarischer Tradition, die in unseren Breiten nicht gegeben ist. Sie gehört dort zur Volks- beziehungsweise Straßenküche und spiegelt in besonderer Weise den Erfindungsreichtum armer Leute.

Aus kleinen und großen Schüsseln

Die Karte teilt sich in "Bowls", Schüsselchen (je 4,20 Euro), und "Large Dishes" (9,90 Euro), die in ausgewachsene Schüsseln gefüllt werden. Wer auf Reis und sahnig-nivellierende Wirkung von Kokosmilch verzichten kann und muntere Abwechslung erleben will, ist bei den Kleinspeisen gut aufgehoben.

Ein veritables Hauptgericht stellt dagegen die "King Kong Bowl" dar, in der sich grünes Thai-Curry, Kokosmilch, Erdnüsse, Röstzwiebeln und Zitronengras um Tofu scharen, als wollten sie den Bohnenquark vor weiteren Anfeindungen schützen. Signalgewürze wie Ingwer, Koriander, Knoblauch, Wasabi und scharfe Schote werden zurückhaltend verwendet.

Gruß ans Dessert

Ausgeglichen wirken auch die kulinarischen Miniaturen. Einem Chicken Wing in Biss und auch ein wenig mit seinem Aroma – hier sorgt eine Knoblauch-Soja-Kombination für geschmackliche Tiefe – angenähert ist dabei der Seitan in knusprig gerösteten Betelblatt, das zusammen mit Mango- und Gurkenstreifen serviert wird. Während das Weizenprotein Würze und Dichte transportiert, bleiben die Rohkoststreifen ein wenig unterbelichtet.

Noch spektakulärer erscheint der von knisternd frittierten Reisflocken umhüllte Tofu. Nicht nur wegen seines struppigen Äußeren, sondern auch wegen eines Himbeer-Chili-Dips, in dem sich Frucht und Schärfe zu einem ungewohnten Dritten verbinden, ähnelt er einem sogenannten Signature Dish des Starkochs Tim Raue, dessen Speisen ebenfalls stets einen Gruß ans Dessert enthalten.

Lau auf den Tisch

Die Süße wirkt beim Kürbis mit Shiitake und in gebundener Sauce geschmorten Sojabällchen in Verbindung mit Knoblauch wie ein Generalbass, über dem sich durchweg milde Pilz- und Gemüse-Noten ausbilden.

Bei diesem wie manch anderem Gericht fällt auf, dass die Küche nichts wirklich heiß serviert (wie das in chinesischen Restaurants oft der Fall ist). So geschieht es, dass etwas recht lau auf einen der Tische in einem Ambiente kommt, das man der Epoche des Behaglizismus zuordnen könnte. Die hat es zwar nicht gegeben, als Assoziation jedoch vermag sie die Begegnung disparater Gemütlichkeitswerte zutreffend zu beschreiben.

1990 – aus dem Skizzenbuch des Rezensenten; © Thomas Platt
Bild: Thomas Platt

Bunte Art des Speisens

Ausgesprochen harmonisch gestaltet sind die gebackenen Teigrollen, weil hier der röschen Außenschicht mit einer prallen Füllung aus Tofu, Gemüse und Pilzen begegnet wird. Das gleiche gilt für die gedämpften Dumplings mit Spinatfüllung in Mango-Curry-Sauce.

Wie für den Nachhauseweg gemacht wirkt das an einen Burger erinnernde Hefebrötchen mit Soja-Patty. Doch die fröhliche, bunte Art des Speisens im 1990 gegründeten Lokal bittet zum Verweilen – zumal die aus Südkorea stammende Hu Yuong eine glänzende Gastgeberin ist. Bei ihr hätte sich auch George Harrison wohlgefühlt.

Thomas Platt, rbbKultur

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