Clärchens Ballhaus – Außenansicht; © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Alt-Berliner Original - "Clärchens Ballhaus"

Bewertung:

Das über 100 Jahre alte Ballhaus in Berlin-Mitte hat im Juli nach einigen Renovierungsarbeiten und der Corona-Pause wiedereröffnet. An diesen warmen Tagen lockt aber weniger die charmante Patina des Spiegelsaals, sondern vielmehr die sommerliche Stimmung im Biergarten. Das neue Gastronomiekonzept überzeugt jedoch noch nicht.

Solide, einfache Wirtshausgerichte zu moderaten Preisen, hochwertige Zutaten, sicheres Handwerk: Das kündigt auf der Website das neue Küchenteam an, das aus dem Umfeld von Sternekoch Tim Raue stammen soll. An sich ein gutes Konzept, das auch ideal zum historischen Ort passt und möglicherweise eine Lücke schließen könnte, da zeitgemäße deutsche Küche meist nur in gehobenen Restaurants zu finden ist.

Auf der Speisekarte, die aus Hygienegründen nur über QR-Code zu lesen ist (Smartphone nicht zu Hause vergessen!) entdeckt man neben Königsberger Klopsen, Zander und Blutwurst von der berühmten Neuköllner Blutwurstmanufaktur auch süddeutsche und österreichische Gerichte wie Schnitzel, Käsekrainer und Maultaschen sowie den inzwischen allgegenwärtigen Flammkuchen.

Kleine Speisen, großer Durst

Interessiert haben uns eher die kleinen Speisen, manche inspiriert von dem, was früher im "Hungerturm" lag, der Glasvitrine in Berliner Kneipen: Berliner Bulette, Spreewaldgurken mit feingeriebenem Meerrettich, Rollmops mit schwarzem Pfeffer. Die Bulette sah tatsächlich aus wie das Original – dick und außen leicht verbrannt. Sie war aber aus cremigem Rindfleisch, nicht so betonhart und mit dicken halbrohen Zwiebelstücken durchsetzt wie die typische Berliner Bulette, dafür aber sehr salzig gewürzt, und mit scharfem Senf serviert. Kann Geschmackssache sein, aber Tatsache ist: Man trinkt dadurch viel mehr!

Clärchens Ballhaus – Radieschen mit Quark und "Verlorenes Brot"; © Elisabetta Gaddoni
Radieschen mit Quark und "Verlorenes Brot" | Bild: Elisabetta Gaddoni

Die Radieschen – als kleine Speise ansprechend mit Ziegenkäsequark, Leinöl und knusprigen, orientalisch gewürzten Brotkrümeln serviert – waren hingegen fast zu mild und wässrig. Die Maultausche in Tapa-Version, mit Fleisch und zu viel Brot und Pfeffer gefüllt, war viel zu weich, ohne jeglichen Biss, als habe sie stundenlang in der Brühe gelegen.

Das "Verlorene Brot" – eine Scheibe dunkles Altbrot, ähnlich wie Arme Ritter eingeweicht und gebraten – war hier mit Chicorée und dünn geschnittenem geräucherten Rindfleisch belegt, dazu Käsecreme und Bratensaft. Das Ergebnis schmeckte zwar gut, hätte aber eher "Vergessenes Brot" benannt werden sollen, da die Scheibe etwas verkohlt und so hart war, dass sie sich weder schneiden noch anbeißen ließ.

Clärchens Ballhaus – Spitzkohl mit Liebstöckel; © Elisabetta Gaddoni
Spitzkohl mit Liebstöckel

Hektischer Abendbetrieb

Mit dem "Goulaschkraut" steht auch ein veganes Gericht auf der Karte: Zwei im Ofen gebackene Viertel Spitzkohl, in einer sehr intensiv mit Paprika gewürzten – veganen? – Buttersauce, dazu Bratkartoffeln und Salat. Über den Spitzkohl und in die Sauce waren Unmengen Liebstöckel gestreut, jenes penetrant-aromatische "Maggikraut", das eher sparsam verwendet werden sollte. Insgesamt waren die Speisen, die wir gekostet haben, deftig im Geschmack, viel zu salzig und unausgeglichen gewürzt – und damit vielleicht doch sehr der Alt-Berliner Tradition verpflichtet.

Möglich, dass die Unstimmigkeiten bei den Speisen und eine gewisse Hektik im Service auch mit den vielen organisatorischen Schwierigkeiten zu tun haben, die die Corona-Zeit vielen Betreibern bereitet – erst recht, wenn ein Lokal noch in der Startphase ist und allein im Außenbereich 270 Plätze anbietet. Die Zeitfenster für den Besuch sind allerdings etwas rigide: ab 18.30 Uhr, dann erst wieder ab 20.30 Uhr. Das ist sehr knapp bemessen, zumal die Küche um 22 Uhr schließt. So haben wir es nicht mehr rechtzeitig geschafft, die Desserts zu bestellen und zu erfahren, ob sie sich gelohnt hätten.

Die gut ausgewählten Biere und Weine sind dennoch ein Grund, hinzugehen und die besondere Atmosphäre zu genießen, die diesen Ort zu einem der schönsten Berlins macht.

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

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Popcorn im Glas © Elisabetta Gaddoni
Elisabetta Gaddoni

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