Restaurant Grossherz
Bild: Großherz / Gipsy Berlin GmbH

Restaurantkritik - Restaurant "Großherz"

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Wenn ein Dessert herausragt, ist das nicht unbedingt verwunderlich in der modernen Gastronomie. Ohnehin ist ja das Liebliche in fast allen Speisen auf dem Vormarsch. Aber wenn es sich um einen Käsekuchen handelt, der ohne weiteres das "signature dish" des Restaurants abgeben könnte, fragt man sich schon, wie es um die Qualität der übrigen Speisen bestellt ist.

Tatsächlich entzieht sich dieser Kuchen der Frage; er hat von der traditionellen Version Farbe und Beschaffenheit, liegt jedoch irgendwo zwischen salziger und süßer Speise.

Victor Brendler und Bjarne Meyer, beiden Köche des Restaurants "Großherz", haben nämlich den Käsekuchen beim Wort genommen und keine weitere Quarkschnitte produziert. Daraus geworden ist eine Art Souffle mit sogenanntem Blaurotem aus dem Allgäu, einem eindrucksvollen Blauschimmel-Camembert-Rotschmierling. Im Käse und vielleicht noch eindrucksvoller im Kuchen kommt der klassische Roquefortton zusammen mit dem warmen Munster-artigen, zum Umami hinneigenden Ton zu einem herrlichen Einklang.

Buttrige und dottrige Noten sowie sahnige Süße vollenden das Geschmacksbild souverän. Wie eine Lupe fungiert das leicht stechendes Kirsch-Essig-Sorbet auf dem Kuchen. Es zoomt quasi die Aromen heran. Fritz Lloyd Blomeyer, der Lieferant des cremigen Rohstoffs und einer der bedeutendsten Käsehändler der Stadt, charakterisiert das Werk mit zwei Worten: "absurd gut".

Speisen, die Freude bereiten

Die übrigen zehn Speisen (Preise zwischen 6 und 18 Euro), aus denen man sich ein Kleinmenü zusammenstellen kann, sind vielleicht weniger spektakulär, aber wie der Kuchen möchten sie offensichtlich eins: ohne große kulinarische Verrenkungen Freude bereiten. Im Eckrestaurant mit seiner Boulevard-Terrasse (einige Spuren mit brausendem Verkehr sind zu beobachten) versucht man es eher mit Ideen und Wagnissen als mit dem, was als "Nummer Sicher" bezeichnet wird. Etwas schiefgehen darf schon, solange der Spaß gewahrt bleibt.

Beim wachsweichen Ei mögen die wie eine tüchtige Portion Kaviar aufgehäuften Senfkörner so etwas wie eine Sollbruchstelle sein, denn Lauch und geräucherter Kartoffelschaum nehmen einen augenblicklich ein. Die scharf sauren Radieschen zur gebackenen, mit Majoran gewürzten Blutwurst mit Apfel, grünen Bohnen und roten Zwiebeln dagegen bewahren den deftigen Gang vorm Abgleiten ins Gefällige. Der fermentierte Kohlrabi zu den fluffig-festen Welsklopsen in Senfsoße (ja, die man vom alten Kantinenschreck Senfei kennt) unternimmt ebenfalls eine Bewegung in diese Richtung, allerdings setzt sich letztlich das Gemüse durch. Die frittierten Kapern sind mehr als eine Referenz an das Königsberger Rezept.

Restaurant Grossherz

Fisch ohne Chips

Der kross gebackene, innen saftige Zander im Bierteig hat das Zeug zum Publikumsliebling – sozusagen Fisch ohne Chips –, zumal Schnittlauchmayonnaise, geriebener Rettich und eine an Zabaglione erinnernde Eigelbsauce dem berühmten Imbissgericht genügend Eigensinn gegenübersetzen. In die Rolle des Aschenputtels könnten die Teigtaschen mit einer schmelzigen Ziegenkäse-Salbei-Füllung geraten, gerade weil der Teig so perfekt scheint: Denn das doch gründlich herbe Gurken-Chutney kann einem wie ein Zufallsgast vorkommen – nicht nur aus einem anderen Gericht, sondern aus einem ganz anderen Restaurant. Die Zusammenkunft von gegrilltem Fenchel und angesengtem Spitzkohl mit jungem Knoblauch, Tomaten, Kirschen und Dillöl trägt wieder die Handschrift des Hauses.

Von den Speisen geht so etwas wie ein Bewegungsdrang aus, der manchmal auf der Stelle tritt – ungefähr wie ein stationäres Beförderungssystem. Der fröhliche Service legt derweil Kilometer im Eiltempo zurück.

Thomas Platt, rbbKultur

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