Restaurant Baldon – Garten; © Elisabetta Gaddoni
Elisabetta Gaddoni
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Kantine, Restaurant und Bar mit Sommergarten - "Baldon"

Bewertung:

Trotz spürbarer Gentrifizierung prägen eher bescheidene Gaststätten und Schnellimbisse die gastronomische Landschaft im Wedding. Eine der Ausnahmen: In der Nähe des Bahnhofs Gesundbrunnen hat Ende 2018 das Restaurant "Baldon" eröffnet. Im beeindruckenden Betonneubau des LOBE Blocks gelegen, lockt das Lokal – mit einem grünen Sommergarten und feiner Aromaküche.

Ursprünglich eröffnet wurde das "Baldon" als feinere Kantine im LOBE Block, der Büros, Ateliers und Sporthallen auf verschiedenen Etagen beherbergt und mit der Sichtbeton-Ästhetik des Brutalismus der 50er bis 80er Jahre spielt. Während von vorne die Fassade aus Beton und Glas vertikal ist, gliedert sich die hintere Seite nach Westen in leicht versetzten Terrassen, die rechts und links mit zwei parallelen Treppen verbunden sind.

Die Stufen führen nach unten zu einem von wild bewachsenen Mauern umgebenen Garten, der zum Verweilen einlädt. Zum Sonnenuntergang kann man aber auch auf die Terrassen steigen und von dort den Himmel über Berlin beobachten. Das Restaurant, das die Straße mit dem Garten verbindet, ist ein schmaler Hallenraum mit Bar und nackten Betonwänden, an denen Kunstwerke hängen.

Zackiger Beton und Gartenidylle

Pandemiebedingt sitzt die Kundschaft erstmal nur im Sommergarten, wo keine Spur von Fußball zu vernehmen ist – ein Tipp für Menschen, die den EM-Medienrummel satt haben. Dafür erklingt chillige Musik, passend zu den hervorragenden Drinks, die das "Baldon" selbst entwickelt, mit Kräuterextrakten aus eigener Herstellung. Die Aperol-Spritz-Abwandlung, mit Minze, Magenbitter und Rieslingsekt, ist viel feiner und nicht so süßlich und flach wie Aperol. Viel nuancierter als das Original ist auch die Moscow Mule-Variante mit Wodka, Bergamotte und gegrillter Gurke.

Auf der Karte sind kleine Gerichte, die aber groß genug sind, um sie zu teilen. Menüs soll es wieder ab Ende Juni geben. Grundlage sind regionale Produkte, die nicht übermäßig stark verarbeitet oder mit anderen Zutaten überfrachtet werden. Vielmehr werden sie mit geschmacklichen Akzenten veredelt, mit dem Fokus auf Kräutern und Aromen.

Restaurant Baldon – Speisen; © Elisabetta Gaddoni

Knackiges Gemüse, dezente Aromanuancen

Die frittierten neuen Kartoffeln mit hausgemachter Mayonnaise waren ein guter Einstieg, ebenso wie das köstliche selbstgebackene Sauerteig-Weißbrot mit Butter. Der grüne Spargel "Carbonara" war mit Guanciale – luftgetrocknetem Speck aus der Schweinebacke – drapiert und in einer Sauce aus Eigelb und der markanten, gereiften Käsesorte "Hexenschwert" angerichtet. Zum Namen, der an die Holzkohlebrenner von früher erinnert, passte auch das Kohlenaroma, da die fast rohen Spargelstangen gegrillt waren. Insgesamt eine spannende und gelungene Kombination von Aromen und Texturen.

Interessant waren auch die Chicorée-Hälften, mit beinahe kimchischarfem fermentiertem Rhabarber serviert und mit Zicklein-Bratsauce beträufelt. Neugierig machte der frittierte Fischkopf, der bei uns aber als Schwanz auf den Tisch kam. Es sind kleine Barsche aus einer Aquaponik-Anlage in Berlin-Lichtenberg, die halbiert werden: Man bekommt dann entweder die obere Hälfte, den Kopf, oder die untere, den Schwanz, beides jedenfalls in einer mit Sechuan-Pfeffer, Ingwer und Estragon aromatisierten Brühe, die gut, aber vielleicht einen Tick zu ölig war.

Ziemlich misslungen war die riesige Artischocke, die zwar mit einer guten Olivenvinaigrette serviert wurde, aber im Ganzen gekocht und so hart und faserig war wie eine Trockenblume für die Vase. Auch die Erdbeeren mit wässrig gefrorener Buttermilch, das einzige Dessert auf der Karte, waren eher verzichtbar.

Mühsamer Neustart, gute Aussichten

Obwohl nicht alles an der Küche überzeugen konnte, finde ich das "Baldon" dennoch eines Besuchs wert: Das meiste war gelungen, der Ort an sich schon sehr spannend und ungewöhnlich, der Service sehr freundlich und zugewandt und die Preise für diese Art Küche eher moderat. Das Engagement der zwei Betreiberinnen sollte unterstützt werden, zumal es mutig ist, solch ein Lokal in dieser Gegend des Weddings zu eröffnen.

Möglicherweise wird sich nach der langen Schließung wieder eine Routine etablieren, die die Ungereimtheiten ebnet und diese gemüsebetonte, eher schlichte, aber raffinierte Küche stimmiger macht.

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

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