Frühstück 3000; © Manu Becerra
Manu Becerra
Bild: Manu Becerra

Restaurant für "die wichtigste Mahlzeit des Tages" in Berlin-Schöneberg - "Frühstück 3000": Frühstücken bis zum Abend

Das "Frühstück 3000" belebt nicht nur den Morgen in Berlin mit einem zeitgemäßen Angebot. Die Neugründung genügt auch der Hauptstadt der Spätaufsteher mit Frühstück bis zum Abend. So hat sich unser Gastrokritiker Thomas Platt zum Probieren des Bauernfrühstücks mit Koriander-Aioli bis hin zur Hummer-Brioche Zeit gelassen.

Wenn man mit Leuten über Essen spricht, die einem nichts andrehen wollen und keinen Grund haben, zu renommieren oder einen zu beschwindeln, dann begegnet man leicht einem Faible, über das im allgemeinen wenig Worte verloren werden: dem für das Frühstück.

Frühstück - keinesfalls nur in den frühen Stunden

Diese unverstellte Vorliebe gilt dabei weniger der morgendlichen Stärkung als solcher. Vielmehr scheint dafür ihre besondere Bindung an die Tradition verantwortlich zu sein. Sie gilt für die erste Mahlzeit des Tages in ungleich höherem Maß als für alle anderen Speisen. Denn würde man bereits den Morgen mit einer neuen kulinarischen Schöpfung begrüßen, vielleicht sogar mit einem Experiment, dann schrumpft der kreative Spielraum in den restlichen Stunden beträchtlich.

Der erste Anlauf ist übrigens nicht an die frühen Stunden gebunden. Berlin ist in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel. Die Stadt steht spät auf und ist lange wach - Cafés, die um 7:00 Uhr öffnen, sind eine Seltenheit – und wer vor 9:00 Uhr dort sitzt, kann sich den Ruf eines Spielverderbers einhandeln.

Ein großer Kanon variationsreicher Rezepte

Vor gut einem Jahr hat mit dem "Frühstück 3000" ein vielversprechendes Projekt begonnen, das nun erst richtig Fahrt aufnehmen kann. Es räumt dem Frühstück den gleichen Rang ein wie (um es im Jargon der Innenstadt zu sagen) Lunch und Dinner. Dies fungiert auch als eine Art Ausgleich für die vielen sozialen Aufgaben, die das Café an die sogenannten sozialen Netze verloren hat.

Nebenbei deutet das Lokal mit der breiten Boulevard-Terrasse wenigstens im Ansatz an, wie groß hier der Kanon überlieferter Rezepte und ihrer Variationsmöglichkeiten tatsächlich ist. Das Rindertatar Asiastyle mit gebeiztem Eigelb, Sesam, Sojasauce und Kokosblütenzucker (als Verbeugung vor den Zeitgeist) dürfte dafür ein gutes Beispiel sein. Neben Soya und der herben Ölsaat bilden Lauch und eingelegte Zwiebel den Antreiber einer überdurchschnittlichen Fleischqualität.

Eine Spur kulinarischer Emphase (man könnte auch von Schwulst sprechen, wenn man den Trüffelschaum in die Betrachtung einbezieht) kann man dem glatten, ungewöhnlich homogen angelegten Bauernfrühstück nicht absprechen, zumal die Koriander-Aioli dezent wie effektiv dazu wirkt. Beim Langosch nimmt das extra servierte Sauerkrautgranité eine ähnliche Stellung ein, obwohl es mit Sauerrahm, getrocknetem Speck und Bergkäse mit ernst zu nehmenden aromatischen Kontrahenten zu tun bekommt. Zum Glück springt ihm das Fenchelamaranth bei. Das Superfood-Getreide könnte auch eine Brücke bilden zum voluminösen Frenchtoast, der eindeutig dem Pancake vorzuziehen ist. Kardamom-Kirschen, ein Quarkschaum sowie Schokoladencrunch verwandeln diesen armen Ritter in einen wohlhabenden.

Der "Arme Ritter" verwandelt sich in einen wohlhabenden

Eine Spur kulinarischer Emphase (man könnte auch von Schwulst sprechen, wenn man den Trüffelschaum in die Betrachtung einbezieht) kann man dem glatten, ungewöhnlich homogen angelegten Bauernfrühstück nicht absprechen, zumal die Koriander-Aioli dezent wie effektiv dazu wirkt. Beim Langosch nimmt das extra servierte Sauerkrautgranité eine ähnliche Stellung ein, obwohl es mit Sauerrahm, getrocknetem Speck und Bergkäse mit ernst zu nehmenden aromatischen Kontrahenten zu tun bekommt. Zum Glück springt ihm das Fenchelamaranth bei. Das Superfood-Getreide könnte auch eine Brücke bilden zum voluminösen Frenchtoast, der eindeutig dem Pancake vorzuziehen ist. Kardamom-Kirschen, ein Quarkschaum sowie Schokoladencrunch verwandeln diesen armen Ritter in einen wohlhabenden.

Hummer-Brioche mit Statement

Wer schnell zu Geld gekommen ist und das gerne vorführen möchte, dem kommt das Hummer-Brioche bestimmt zu frugal vor. Kombiniert mit Fenchelsalat und pochierten Eiern könnte das ansehnliche Gericht durchaus auch den Namen "Hummer-Eggs Benedict" tragen. Schärfe und Frucht der Mango-Hollandaise (abgeleitet von der klassischen Bisque) erweitern die ursprüngliche Idee, ohne sie gleich zu überhöhen; die Aroma stiftenden Zutaten lenken nicht von der zarten Konsistenz des Krustentiers ab, sondern verleihen ihr Nachdruck und so etwas wie Kontur. Nebenbei greift Mango seine süßlichen Noten auf. Leicht irritiert wird der Gesamteindruck lediglich durch unterschiedliche Salzgehalte der Komponenten – womöglich handelt es sich aber auch um ein Statement, dem man – falls die Vermutung zutreffen sollte – größere Deutlichkeit wünschen müsste.

Ein (kulinarisches) Signal

Überhaupt scheinen die Preise (zwischen 8 und 29 Euro für den Hummer) deutlich gesalzener als die Speisen – aber eigentlich stimmt das ganz grundsätzlich nicht, denn wenn intensiv handwerklich gearbeitet wird wie hier am Zusammenfluss von Bülow- und Zietenstraße, bleibt der Lohn gering. Dass wir Maschinen, die genormte, vereinfachte und mit billigen Zutaten konstruierte Lebensmittel hervorbringen, demgegenüber weitaus besser bezahlen als Menschen und ihre individuellen Leistungen, das ist ein Kennzeichen der deutschen Ernährungsweise. Man kann es auch als ein deutliches Signal verstehen, wie es um unsere Kultur bestellt ist - nicht nur um die kulinarische wohlgemerkt.

Thomas Platt, rbbKultur

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