Straßenbahndepot Heiligensee – Außenansicht; © Elisabetta Gaddoni
Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Raffinierte Küche im Ausflugslokal - "Straßenbahndepot Heiligensee"

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Im äußersten Nordwesten Berlins, zwischen Havel und Heiligensee, liegt Alt-Heiligensee: ein kleines Dorf, dessen Kern aus dem 15. Jahrhundert stammt. Neben Kirche, historischer Schmiede und Freiwilliger Feuerwehr befindet sich ein denkmalgeschütztes, ehemaliges Straßenbahndepot, das 2010 renoviert wurde. Das Restaurant, das mehrere Räume und eine große Terrasse bespielt, lockt in diese entlegene Ecke Berlins mit experimentierfreudigen Vorspeisen und soliden, aber raffinierten Hauptgerichten.

Denjenigen, die sich einen Tag abseits von Verkehr, Lärm und Menschenmengen wünschen, sei ein Ausflug nach Alt-Heiligensee empfohlen. Beim Anblick des Dorfangers mit Dorfkirche, beidseitig umschlossen von der Hauptstraße, fühlt man sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Wobei selbst im 15. Jahrhundert, als die Kirche errichtet wurde, hier mehr Betrieb geherrscht haben dürfte. Seit der Stilllegung der Straßenbahn Ende der Fünfzigerjahre unterbrechen nur zwei Buslinien, die hier ihre Endstation haben, die ruhige Geräuschkulisse.

Das alte Straßenbahndepot, das zwischendurch erst zur Fabrik und dann zum Atelier für zwei Berliner Künstler umfunktioniert wurde, beherbergt seit der Renovierung 2010 ein Restaurant. Trotz der Randlage hat das "Straßenbahndepot Heiligensee" immer wieder von sich hören lassen – als raffiniertes, wenn auch etwas hochpreisiges Restaurant, in dessen anschließender Halle Veranstaltungen und private Feier stattfinden.

In Zeiten der Pandemie kann das Lokal den großen Vorplatz als Terrasse bespielen, der von unzähligen, vom märkischen Sand fast verdeckten alten Gleisen durchkreuzt ist. Zur zeitentrückten Stimmung passt der freundliche und unaufgeregte Service.

Straßenbahndepot Heiligensee – Vorspeise; © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Raffinierte Küche im Ausflugslokal

Die Karte ist überschaubar und bietet zusätzlich zu einem 4-gängigen Menü einige Vorspeisen und Suppen sowie sechs Hauptgerichte, drei mit Fleisch, eins mit Fisch und zwei vegetarische, alle nur durch die Aufzählung der Zutaten beschrieben. Im empfohlenen Monatsmenü zeigt sich die Bandbreite der Küche, mit experimentierfreudigen Vorspeisen und dem soliden, etwas konventionellen Hauptgericht.

Die kalte Suppe aus weißem Pfirsich, mit kross frittiertem Blumenkohl und den scharfen, würzigen Akzenten von Ingwer, Zitronengras und Keimsprossen war vielleicht etwas zu süß und fruchtig als Auftakt, dennoch von verführerischem Geschmack. Mild und harmonisch gewürzt waren die zwei Wildfanggarnelen, schonend gegart und in einer Sauce aus Mandelmilch, Litschi und scharfen Jalapeño-Chili-Würfeln eingebettet.

Straßenbahndepot Heiligensee – Hauptgericht; © Elisabetta Gaddoni
Bild: Elisabetta Gaddoni

Als Hauptgericht kam Rindernacken, geräuchert und geschmort, üppig portioniert, aber viel zu trocken geraten, mit Erbsen und Erbspüree als Beilage. Die anderen Hauptgerichte, ob irisches Rinderfilet mit Ofengemüse, Trüffelgnocchi und Wildkräutern, oder Wiener Schnitzel mit Pfifferlingen, Trüffelgnocchi und Madeirasauce, waren auch weitaus weniger experimentierfreudig als die Vorspeisen, dennoch gelungen: Das Fleisch von hervorragender Qualität und perfekt zubereitet, die Beilagen geschmackvoll zusammengestellt.

Eine gewisse Fleischlastigkeit im Menü lässt vielleicht erahnen, dass diese Gerichte dort am meisten gefragt sind. Allerdings hat der Koch und Inhaber René Scheike jahrelange Erfahrung in der gehobenen Küche und lässt es sich wohl nicht nehmen, auch ungewöhnliche Kombinationen anzubieten, die in einem Ausflugsrestaurant nie zu erwarten wären. Dass es im Straßenbahndepot etwas teurer ist als in durchschnittlichen Ausfluglokalen (Vorspeisen: 11 bis 14 Euro, Hauptgerichte 19 bis 29 Euro), ist daher nachvollziehbar.

Der blaue Himmel, das Vogelgezwitscher und der kühle Sauvignon Blanc rundeten die angenehme Nachmittagsstimmung ab und machten die Tatsache wett, dass die Terrasse nicht direkt am Wasser liegt. Ein paar Schritte weiter sind allerdings sowohl der Heiligensee als auch die Havel zu erreichen.

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

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