"Marktlokal" in der Markthalle Neun in Kreuzberg © John Broemstrup
John Broemstrup
Bild: John Broemstrup

Bodenständige, dennoch raffinierte Küche im ehemaligen "Weltrestaurant" - Das "Marktlokal" in der Markhalle Neun in Kreuzberg

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In Sven Regeners Roman "Herr Lehmann", der in Kreuzberg der 80er Jahre spielt, diskutierte der Protagonist mit der Kellnerin des ehemaligen "Weltrestaurants" an der Markthalle darüber, ob die Kruste beim Schweinebraten überschätzt sei. Im "Marktlokal", das seit April wieder geöffnet hat, bietet die Karte zwar Schweinerippchen an, aber die Hauptrolle spielt das Saisongemüse - so gekonnt zubereitet, dass man es gerne dreimal am Tag essen würde.

"Bete mit Walnuss, Kresse und Belper-Knolle, Sellerie-Cremesüppchen mit Citrus und Blauschimmelkäse": Sicherlich hatte das frühere "Weltrestaurant" zu Zeiten Herrn Lehmanns urigere Gerichte auf der Karte. Dennoch ist die Küche unter der neuen Bewirtschaftung nicht allzu fein und abgehoben. Sie basiert hauptsächlich auf regionalen und saisonalen Produkten, die in der Markthalle verkauft werden.

Kombiniert werden die Zutaten in unkomplizierter, fast überschaubarer Art - ohne Spezialeffekte oder dekorativen Kleksen und Tupfern, dennoch überzeugend in Geschmack und Konsistenz.

Bodenständige Küche, die trotzdem keine Raffinesse vermissen lässt

Das Team, bestehend aus dem schwedischen Koch Björn Persson, aus einem ehemaligen Gemüseverkäufer und drei anderen jungen Menschen, setzt auf eine bodenständige Küche, die trotzdem keine Raffinesse vermissen lässt.

Gemüsesorten wie Spitzkohl, Topinambur, Chicorée, Kürbis, Sprossenkohl oder Rote Bete, die in der häuslichen Küche nicht immer gut gelingen, werden hier gekonnt zubereitet und aromatisiert. Ob geröstet, gebacken oder roh belassen sind sie Grundlage für elegante, geschmacksvolle Gerichte, die nie mit Saucen oder Cremen überfrachtet sind.

"Marktlokal" in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg; © Elisabetta Gaddoni
Chicoree-Birne; Kürbis, Lauch und TopinambourBild: Elisabetta Gaddoni

Gemüse ist mein Fleisch

Die überschaubare Karte, die alle drei Wochen wechselt, bietet als Starter Snacks an, die von der Größe her auch als Vorspeisen gelten könnten: Sprossenkohl, bissfest gegart, dann scharf gebraten, leicht nach Rauch schmeckend mit mildem, schaumigem Ricotta an der Seite und mit der japanischen Würzpaste Miso und brauner Butter gewürzt. Oder geröstete Spitzkohl-Tranche in Kümmel-Blutorangensauce: eine unkomplizierte Kombination, schmackhaft und ausgeglichen.

Der Chicoréesalat mit zartgebackener Topinambur, Blauschimmelkäse, Birne, Gartenkresse und krossen Topinambur-Chips bietet ein apartes Spiel der Aromen und Konsistenzen. Das Lauch-Kürbis-Gericht ist als Hauptgang etwas teurer als die anderen, dennoch üppig genug, um es wettzumachen: zwei halbierte, gebratene Lauchstangen auf marinierten und gebackenen Kürbisspalten gebettet, dazu hübsche frittierte Kartoffelcreme-Krapfen, Orangen-Nussbuttermayonnaise, Kürbiskerne und Salbei.

"Marktlokal" in der Markthalle Neun in Kreuzberg © Nico Henning/Marktlokal
Bild: Nico Henning/Marktlokal

Auch das Dessert überzeugt durch die Stimmigkeit der Kombination: ein nicht zu süßer, zarter Pudding in Muffinform mit Toffee-Geschmack, mit dunklem Schokoladenfondue übergossen und von salzigem Crumble begleitet.

Selbstgebrautes Bier in unkompliziertem Ambiente

Das helle "Heidenpeters" vom Fass, das Hausbier, das in der Markthalle selbst hergestellt wird, passt sowohl zum Menü als auch zum unkomplizierten Ambiente des Lokals, das von der Atmosphäre wie eine Studentenkneipe wirkt. Dafür stehen wohl auch die moderaten Preise, die vielleicht signalisieren wollen, dass das Lokal nicht gentrifizierend wirken soll, was der Markthalle Neun ja oft unterstellt wird. Sogar zu Beginn der Woche ist es hier voll, mit ziemlich lauter Geräuschkulisse und unter Covid-Gesichtspunkt etwas wenig überschaubar.

Denjenigen, die es ruhiger mögen, sei das "Marktlokal" eher für einen Besuch am frühen Abend empfohlen - zum Aperitif und um die hausgemachten Fritten zu kosten, die sagenhaft gut sein sollen, aber für die es dieses Mal keinen Platz mehr gab.

Elisabetta Gaddoni, rbbKultur

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